Let’s be happy

Ich höre jemandem auf Youtube zu, der mir erklärt, wie ich mit meinen Aggressionen umgehen soll. Ganz zufrieden stellen mich seine psychotherapeutisch-orientierten Erklärungen nicht.

Denn eigentlich möchte ich ja auch diese negative Energie nutzen, um Dinge zu verändern, um mein Leben zu verändern. Denn ich bin gerade in einer dieser Situationen, in der sich das Leben um einen herum verändert, in der andere mein Leben verändern und ich deshalb zwangsläufig das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren.

Bedenkt man dazu das Verhältnis, das ich zu Paula habe, und unsere Finanzkrise, so ist vielleicht nachvollziehbar, dass es mir an negativer Energie so gar nicht mangelt. Ihr gegenüber habe ich den geringen Vorteil, sie bloggend anders äussern zu können als indem ich jemanden anschreie.

Ich bin davon überzeugt, dass mich diese Wut in gewissem Umfang mein Leben lang begleiten wird. Und, nein, Paula ist nicht ihre Ursache. Sie hat mich aber auch nie wirklich aufgehalten. Dazu hätte es eines Einfühlungsvermögens bedurft, das ihr fremd ist.

Du, das macht mich echt voll betroffen

Betroffen sahen die Gefährten sovieler meiner Jahre aus, als der Tzar ihnen seine Strategie darlegte, die vor allem aus einem Mangel an Strategie bestand. Betroffen waren sie allerdings vor allem, weil seine Ideen zur Kostensenkung nicht ihre Entlassung beinhaltete. Denn allesamt hatten sie schon ihre Bewerbungsunterlagen gerichtet und die zu erwartende Abfindung berechnet.

Vergebens war mein Bemühen gewesen, sie von dieser Erwartung zu befreien. Denn sie gründet sich auf ein fundiertes Unwissen über den Inhalt des Paragraphen 1 a des Kündigungsschutzgesetzes. Da muss der zukünftige Ex-Arbeitgeber nämlich einiges an Vorarbeit leisten:

Der Anspruch setzt den Hinweis des Arbeitgebers in der Kündigungserklärung voraus, dass die Kündigung auf dringende betriebliche Erfordernisse gestützt ist und der Arbeitnehmer bei Verstreichenlassen der Klagefrist die Abfindung beanspruchen kann.

und dann auch noch zahlungsfähig sein.

Jetzt sind sie wieder an ihr Tagwerk gegangen, genauso tüchtig motiviert wie sie es vorher waren, getreu der Regel, dass jedes Unternehmen genau die Mitarbeiter hat, die es verdient. Bunny widmet sich derweil der Aufstellung eines neuen Betriebsrates. Mich hat sie dafür auch schon im Auge, habe ich doch immer noch Zugriff zur elektronischen Ablage des Vorgänger-Gremiums.

Die Reise durch den Mittelpunkt der Seifenblase

Ich bin heute ohne mein Mobiltelefon unterwegs. Das ist selten, denn mein Roller hat soviele Kilometer hinter sich, dass ich den ADAC auf Zielwahltaste habe. Aber es ist auch die Folge eines Augenblicks der Klarheit heute morgen auf der Couch, der mich wie alle seiner Art emotional überforderte. Dass dabei eine kleine Katze meine Nase verprügelte, machte es auch nicht leichter.

Für einen Moment zog ich in Erwägung, dass ihr an mir gelegen sei. Tatsächlich hatte sie aber ihre Schwester nicht gefunden und raufte nur deshalb mit dem, was in Form und Bewuchs am ähnlichsten war.

Schwer in Worte zu fassen waren die Bilder, die Begriffe, die da aus meinem Unterbewusstsein auftauchten, aus jener Gegend, die sich sonst nur als Magendrücken äussert, wenn das nicht nur die Folge des Genusses von Rohmilch ist. Ich erfuhr etwas darüber, wie wenig Kontrolle ich über mein Leben habe und dass ich dem, was jetzt vermutlich auf mich zukommt, weniger mit definierten Lösungen als mit einer bestimmten Einstellung begegnen sollte.

Zugleich erfuhr ich etwas über die kleine Welt, die sich Paula aufgebaut hat, einen Mikrokosmos aus Krankheiten und Katzen, in der es ausser mir als Breadwinner, Arbeitskraft und Objekt sowohl ihrer negativen Gefühle wie ihrer Fürsorge Menschen fast nur als Chat-Partner, Ärzte und die dicke, laute Nachbarin gibt. Es ist eine Seifenblase, in deren Mittelpunkt sie mit ihrem Mobiltelefon schwebt.

Sag „Priwjet“ bei Ikea

Die Kassierin ficht das kleine Schauspiel nicht an, sie nennt den zu zahlenden Preis. Meine Mitbewohnerin kann sich noch gerade am Wagen festhalten, während ich kollabiere und überlege, ob vielleicht eine spontan eingesetzte Inflation verantwortlich für den seltsam hohen Betrag sein könnte. Schließlich waren wir etwa drei Stunden im Ikea. Zeit genug für einen Terroranschlag, der die Welt in eine auch wirtschaftliche Krise gestürzt hat. In diesen unruhigen Zeiten ist es durchaus denkbar, dass man einen Ikea als Deutscher betritt und ihn als Russe wieder verlässt.

Die Ikea-Chroniken (II)

Prägnant formuliert der Herr Seppo hier nach einer ausführlichen Beschreibung des in diesem „französisch-mongolischen“ Möbelhaus unabwendbaren Kontrollverlustes eine einfache Wahrheit:

Wir können mit den Katastrophen nicht mehr Schritt halten. Jeden Tag ein neuer Amoklauf, ein Attentat, eine Offensive, eine Belagerung, ein Massaker.

Längst hat die Kanzlerin, hat der Innenminister den Ausdruck seines Bedauerns als mp3-Datei gespeichert, um sie täglich, bei Bedarf auch zweimal täglich abzuspielen. Wahrscheinlich gibt es diese Datei auch bereits bei soundcloud.com und youtube.de, unter Umständen sogar zum Download.

Dort suche ich auch nach Russisch-Kursen für den Fall, dass Donald Trump Präsident der USA wird. Dann heisst es wahrscheinlich recht bald am Eingang von Ikea „Priwjet“ und bezahlt wird nach dem obligatorischen Kontrollverlust in Rubelchen.

Nur auf die Verbringung von Straftätern in sibirische Arbeitslager müssen wir wohl verzichten – die übernehmen die Chinesen als Franchise, während sie den ehemaligen Fernen Osten der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken besiedeln. Ihnen ist er übrigens der Ferne Westen.

In diesem Fall sind wir selber schuld. Immerhin ist unser Innenminister ein Sprößling der Familie De Maiziere, die seit 1945 in schöner Regelmässigkeit beim Untergang eines deutschen Staates auftauchen. Sein Grossvater selig sass einst im Führerbunker zum Tee bei Eva Braun, und der Herr Onkel war der erste und letzte Kanzler der Deutschen Demokratischen Republik.

 

Frauen fragen mich

Wieviel Zeit verbringen Manager eigentlich damit, im Internet nach jenen Bilder zu suchen, mit denen sie ihre Slideshows illustrieren? Diese Frage stellte ich mir, während Feronia eine ihrer Ansprachen an ihr geliebtes Volk richtete. In gewohnter Weise sprach sie von ihren Zielen und einer Art merkantiler Gross-Offensive, verband das aber mit einer nicht einmal allzu subtilen Drohung an alle, die ihr auf ihrem Weg nicht folgten.

Für einen Augenblick hatte ich wohl meine Mimik nicht unter der gewohnten Kontrolle, denn sie sprach mich hinterher an, ob mich an dem Bild aus dem Slide etwas gestört habe. Fast hätte ich die Gelegenheit verpasst, ihr zu versichern, dass, wolle sie im nächsten Jahr die Welle machen, ich auf ihr surfen würde. Auf der Welle, nicht auf ihr. Sogar mein Engagement für das Unternehmen hat Grenzen.

Meine Interessen in dieser Richtung sind eh eher akademischer Art. In St. Louis habe ich mir vor kurzem an einem kalten Tag die Frage gestellt, wie sich denn ein Sex-Shop dort und in den Zeiten omnipräsenter Pornografie im Internet und des Versandhandels von geschlechtsverkehrsförderlichen Accessoires durch Amazon halten könne. Ausserdem sah ich eine Chance, mich gleichzeitig aufwärmen zu können.

Drei Minuten später war mir immer noch kalt, aber ich stand trotzdem wieder auf der Strasse. Die Frage nach der ökonomischen Basis immerhin war geklärt. In dieser kurzen Zeit hatte mich zuerst eine übergewichtige, grosse Osteuropäerin angesprochen und dann eine übergewichtigere, kleine Osteuropäerin. Da meine Frage schon dadurch beantwortet war, habe ich darauf verzichtet, mir die angebotenen Leistungen und ihre Preise erläutern zu lassen.