Das Monster von nebenan

Das schrecklichste Monster in “Babylon Berlin” ist keines. Der Oberkommissar Bruno Wolter ist eben deshalb so furchteinflössend, weil er der nette Faschist von nebenan ist. Er ist einerseits grosszügig, freundlich und folgt seinem eigenen Ehrenkodex, andererseits aber ist er eben auch rücksichtslos, kaltblütig und ein Terrorist.

Ebenso schrecklich sind die Szenen im “Moka Efti”, in denen hunderte junger Menschen gut gelaunt zu flotter Musik tanzen. Es ist der Tanz auf dem Vulkan. Nächstes Jahr wird ihr Geld wertlos sein. In vier Jahren wird Hitler Reichskanzler sein, und Demokratie, Menschlichkeit und Vernunft werden enden. In 16 Jahren werden ihr Land und ihr Leben ein Trümmerhaufen sein. Vermutlich wird die Hälfte von ihnen dann tot sein. 

Wie dünn ist das Eis, auf dem wir gerade spazieren? Welches Monster wohnt neben uns auf der Etage?

https://barrikade.info/article/2949

Elise Bauman verstört mich

Einer der verstörendsten Instagram-Posts der letzten Wochen kam von Elise Bauman. Ich habe im Lauf der letzten Jahre ja einiges von ihr gesehen und gehört, aber das… 

Ich bin jetzt in gewissem Umfang traumatisiert von der Idee, dass es in Kanada Mobilfunkprovider gibt, die zusätzliche Gebühren für national roaming berechnen. National roaming, die Älteren unter uns erinnern sich noch, ist die Nutzung eines Mobilfunknetzes durch einen Mitbewerber, der knapp an eigenen Funkmasten ist. 

Wir in Europa haben dieses düstere Zeitalter hinter uns gelassen, ja, wir roamen quer durch die Europäische Gemeinschaft zuzüglich der Schweiz und Norwegens. Die Kolonisten jenseits des Meeres schlagen sich offensichtlich noch mit solchen Problemen herum. Wahrscheinlich müssen sie sich auch noch an den Grenzen zwischen Kanada, den USA und Mexiko von Zöllnern kontrollieren lassen. Wahrscheinlich ist Kommissar Rex für sie noch eine ultra-heisse Polizei-Serie. 

https://www.youtube.com/watch?v=Xqm_RECVwyg

Gut, wir haben bis jetzt noch nicht einmal eine Definition entwickelt, was die EU eigentlich ist. Möglicherweise ist es die erste neue Staatsform seit die alten Griechen nach der Monarchie die Demokratie und die Tyrannis erfunden haben. Oder etwas ganz, ganz  anderes. Immerhin haben ja nicht einmal alle beteiligten Staaten die gleiche Definition von Demokratie. 

Zusammengehalten wird das Ganze von Verträgen zwischen den Staaten, gegenseitiger Abneigung, wirtschaftlichen Vorteilen, einer enormen Bürokratie und dem Ehrgeiz gewisser Politiker. Die Zukunft für dieses politische Dings ist entsprechend grossartig. Denn wie wir mit den Wahlergebnissen aus Thüringen und dem Fortgang des Brexits belegen können, ist das politische System in den diversen Staaten verrottet und  die politische Kaste dekadent. 

Das schafft Freiraum, wo Natur und Zivilisation keinen dulden. Wenn ein Träger von Macht wegfällt, tritt ein anderer an seine Stelle. Wenn sich jemand einmal gefragt hat, wie die fränkischen Reiche, die Burgunder und Alemannen relativ kampflos die römische Herrschaft in Westeuropa ersetzen konnten, tja, genauso hat das funktioniert.

Wir, die Erben Athens

Wie Trump oder Salvini macht Johnson allzu simple Versprechen, befördert einen Kult um seine Person und liebt es, gegen die Eliten zu pöbeln (obwohl er ja selbst absolut dazugehört). … Es kam anders, auch weil Cameron unterschätzte, wie sehr die Wähler das Referendum nutzen würden, um ihr Missfallen gegenüber der herrschenden Klasse auszudrücken.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-08/boris-johnson-parlament-grossbritannien-no-deal-brexit

Dann kam Jaroslaw Kaczynski, Chef der heutigen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Zwar ist er selbst ein Repräsentant der Inteligencja, aber er verstand, wie er das Ressentiment für sich nutzen konnte. Er erkannte die tiefe Ablehnung der Plebs gegenüber der Oberschicht, das Gefühl, nach der Wende 1989 marginalisiert worden zu sein, den Mangel an Würde. Deshalb hat er die Wahlen von 2015 gewonnen.

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article198525809/Polen-Elite-und-Volk-der-Hass-ist-gegenseitig.html?utm_source=pocket-newtab

Verschiedene Autoren, verschiedene Zeitungen, verschiedene Länder und Namen, die Geschichte jedoch ist die gleiche. In einem gespaltenen Land, in dem Elite und Volk sich mit Misstrauen und Ablehnung begegnen und das politische System sich tot gelaufen hat, schlängelt sich ein machtgieriges Mitglied der Elite an die Spitze. 

Das ist nicht gerade neu. Die Tyrannen des antiken Griechenland hielten es auch schon nicht viel anders (https://de.wikipedia.org/wiki/Tyrannis). Der Vergleich mit dem Mittelmeerraum des 7. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung liegt durchaus nahe, weil damals wie heute dieses politische Konzept an verschiedenen Orten im Mittelmeerraum aufpoppte wie Akne im Gesicht eines 16-jährigen. Für welche politischen Ziele diese Gesellen sich einsetzen war/ist ihnen normalerweise schnurz. Es geht ihnen vor allem um die Macht und zwar nur um ihre eigene. 

Ob sie Amerika wieder gross machen wollen (Trump), Britannien in der EU halten oder den Brexit um jeden Preis wollen (Johnson – beide Positionen nacheinander), Polen verteidigen (Kaczynski), für Recht und Ordnung kämpfen (Duterte), das ist ihnen letzten Endes Jacke wie Hose und kann es vom Standpunkt der Moral auch allen anderen sein. 

Die Moral, das war das Privileg der Athener. Die sahen nicht aufs Ergebnis einer solchen Regierung, sondern allein auf ihre Berechtigung. Ein Tyrann aber war nicht eines Königs Sohn noch gar vom Volk gewählt wie es in Athen üblich war, der Stadt, deren Ordnung die einzig richtige war. 

In dieser Beziehung waren die Athener unsere Vorfahren, in einer anderen auch. Als ihr politisches System, das Wort kommt vom griechischen “polis” für die selbstverwaltete Stadt, sich erschöpfte, wanderte die Macht irgendwann auf die Ebene eines Bündnisses verschiedener griechischer Staaten ab. Das war so etwas wie eine ganz frühe EU, halt mit weniger Produkt-Normen, aber auch schon mit reichlich Bürokratie und weniger Demokratie. So ganz unrecht haben die Brexiteers in Britannien nämlich nicht, wenn sie auf Defizite der EU in diesen Bereichen hinweisen. Ganz unrecht hat übrigens keiner, nicht der, der als Angehöriger der Elite die grossen Zusammenhänge sieht, und schon gar nicht der aus dem “Volk”, dem die Zusammenhänge egal sind, der aber merkt, dass er abgehängt wurde. 

Das Wort “Tyrann” käme, so sagt Wikipedia, aus dem Luwischen, der Sprache der einfachen Trojaner. Die Elite damals sprach natürlich das hippe Dorisch. Richter und Anführer hiesse das Wort Tyrann. Wer jetzt an die Odyssee ebenso denkt wie an das Buch der Richter, der ist klassisch verbildet und weiss wahrscheinlich auch, dass “Panem et Circensis” den Preis für die Duldung der Herrschaft der Elite durch die Abgehängten bedeutet. 

Vom Aufstieg des chinesischen Weltreiches

Herr Karaganow hat an einigen Punkten Recht und an anderen Unrecht. Vom Aufstieg Chinas und von der neuen Seidenstrasse schweigt er beredt.

https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-04/neue-seidenstrasse-china-griechenland-europa-containerhafen-piraeus

Dafür sagt er klar, dass Russen und Europäer unter diesem Druck und angesichts der neuen Politik der USA wohl zusammenrücken werden. Er nennt das Gross-Eurasien und meldet sicherheitshalber schon einmal den russischen Führungsanspruch an.

Das ist freundlich von ihm. Wir wüssten ja sonst gar nicht, wo es lang geht, wer uns Europäern sagt, wo es lang geht, wenn es die Amerikaner nicht mehr tun. Um es selbst zu entscheiden, sind wir zu uneins.

Das USA positionieren sich neu. Das ist ein Euphemismus für den Untergang des amerikanischen Imperiums. Es zerfällt wie es alle Imperien tun, wenn sie zu alt und träge werden, wenn sie von Siegen und Erfolgen erschöpft oder von Niederlagen und Misserfolgen ausgelaugt sind. Manche steigen dann wieder auf, an die Stelle anderer treten andere Staaten.

https://www.msn.com/de-de/finanzen/politik/us-pr%c3%a4sident-trump-will-75000-jobs-retten-%e2%80%93-in-china/ar-AAxgq10?ocid=spartanntp

Roger Williams (c. 21 December 1603 – between 27 January and 15 March 1683)[1] was a Puritan, an English Reformed theologian, and later a Reformed Baptist who was expelled by the Puritan leaders from the colony of Massachusetts because local officials thought that he was spreading „new and dangerous ideas“ to his congregants. Williams fled the Massachusetts colony under the threat of impending arrest and shipment to an English prison; he began the settlement of Providence Plantation in 1636 as a refuge offering freedom of conscience.

Williams was the 1638 founder of the First Baptist Church in America, also known as the First Baptist Church of Providence.[2][3]

Williams was also a student of Native American languages, an early advocate for fair dealings with American Indians, and one of the first abolitionists in North America, having organized the first attempt to prohibit slavery in any of the British American colonies. He is best remembered as the originator of the principle of separation of church and state.[4]

Williams wanted his settlement to be a haven for those „distressed of conscience“, and it soon attracted a collection of dissenters and otherwise-minded individuals. From the beginning, a majority vote of the heads of households governed the new settlement, but „only in civil things“. Newcomers could be also admitted to full citizenship by a majority vote. In August 1637, a new town agreement again restricted the government to „civil things“. In 1640, thirty-nine „freemen“ (men who had full citizenship and voting rights) signed another agreement that declared their determination „still to hold forth liberty of conscience“. Thus, Williams founded the first place in modern history where citizenship and religion were separate, that provided religious liberty and separation of church and state. This was combined with the principle of majoritarian democracy.

https://en.wikipedia.org/wiki/Roger_Williams

Da gibt es manch einen Ort auf Gottes Erde, dem ich mit Vergnügen ein Denkmal dieses rechtschaffenen Mannes spendieren möchte.  Immerhin gründete er mit Providence im heutigen Rhode Island den ersten Platz, wo die Religionszugehörigkeit (bzw. auch der Mangel daran) eines Menschen keine Rolle spielte.

Zur gleichen Zeit erschlugen sich die Deutschen noch darüber, wer Katholik und wer Protestant sein durfte. Als sie 1648 einen Frieden schlossen, den westfälischen nämlich, durften sie sich das auch nicht aussuchen. Es wurde dann nämlich gesetzlich geregelt. Wer die Deutschen kennt, wundert sich nicht darüber.

In den Niederlanden wurden derweil die Katholiken benachteiligt, in England auch die Calvinisten, und überall im spanischen Weltreich verbrannte man noch Protestanten. Die Sunniten benachteiligten die Schiiten, Christen und Juden, und die Schiiten sahen das wenig anders, nur eben bezogen auf die Sunniten, Christen und Juden. Gewiss hätten auch die Juden jemanden unterdrückt, wäre ihnen nur ein eigener Staat gegeben worden. So waren sie benachteiligt und blieben es noch lange.

Herr Williams in seinem entlegenen Winkel der Erde nun grüsste auch noch freundlich jede Rothaut in ihrer Sprache, kaufte ihnen das Land ab, wo er siedelte (jawohl, er kaufte, als habe er keine Flinte gehabt), reihte Neger unter die Menschen ein statt unters Nutzvieh und vertrat die irre Idee, dass Entscheidungen in seiner Kolonie nicht von ihm allein, sondern einer Mehrheit der freien Bürger getroffen werden sollte.

Der Tod der Demokratie in 140 Zeichen

sms

Die Demokratie ist zum Tode verurteilt. Ihre Grundlage war die wortreiche Kommunikation wie sie die Athener auf der Agora zelebrierten, Mutter der Rhethorik von Gorgias bis Herbert Wehner.

Wo sich der Mensch in seiner Sprache aber auf 140 Zeichen beschränkt und seine Gedanken soweit verschlüsseln muss, dass nur noch ein kleiner Kreis von Eingeweihten sie versteht, hat sie ihre Basis verloren. Der Befehl hingegen und mit ihm das Militär und die Dikatur ist sparsamer in seiner Diktion.

Jay Griffiths verfolgt im Aeon-Magazin einen ähnlichen Gedanken, wenn er über Luigi Russolo spricht, einen Komponisten, der zur italienischen Futurismo-Bewegung gehörte, die in gewisser Weise dem Faschismus vorherging:

Language was reduced to shout, the hate-scream that features so heavily in contemporary libertarian discourse.

https://aeon.co/essays/the-macho-violent-culture-of-italian-fascism-was-prophetic?utm_source=Aeon+Newsletter&utm_campaign=50540abad5-EMAIL_CAMPAIGN_2017_02_08&utm_medium=email&utm_term=0_411a82e59d-50540abad5-69406069

Er unterstellt dann den Futuristen, nach einer Sprache ohne Grammatik gestrebt zu haben und wie es ordentliche Faschisten nun einmal tun, den Büchereien, Museen und Schulen den Krieg erklärt zu haben:

The Futurists sought a language ‘purified’ by removing grammar. … To the Futurists, grammar was merely a hindrance to a brutal gesture of noise. Like any good fascist, Marinetti called for the burning of libraries, museums and academies.

Dabei gibt es doch auch die Identitären, die per defintionem Neo-Nazis sind, die lesen und schreiben können.

http://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-hoerspiel/invasion-der-identitaeren-100.html

Die reduzierte Kommunikation begünstigt also die Tyrannis. Dass Donald Trump sich Twitters so hingebungsvoll bedient, sollte allein uns also schon zur Besorgnis Grund geben. Dass er sich von Erik Prince beraten lässt, ist in höchstem Mass beunruhigend.

Nach Angabe Jeremy Scahills, der sich auf einen ungenannten Informaten stützt, hat er Trump bei dessen Personalauswahl sowie bei Stellungnahmen zu Geheimdienst- und militärischen Fragen beraten[29

https://de.wikipedia.org/wiki/Erik_Prince

Denn eine Frage ist noch offen – wenn es zum Konflikt zwischen Trump und dem Parlament kommt, wer verhaftet die Abgeordneten? Und diese Auseinandersetzung ist unvermeidlich, denken doch zumindest die Republikaner, sie wären an der Macht beteiligt, weil sie ja auch von denen gewählt wurden, die sich und die sie für Opfer halten. Der Skandal um Mad Mick Flynn gehört schon zu dieser Auseinandersetzung.

http://www.tagesschau.de/ausland/flynn-erklaerung-101.html

Griffiths sieht am Ende sogar eine Parallel zwischen Trump und dem Sonnengott:

Deus Invictus is typified in libertarianism and personified in Trump’s solar solipsism, with his backdrop of gold curtains, Twitter-roaring against the unbearable restraints of respect or social justice.

und schlägt dann – vielleicht ohne es zu wissen – eine Brücke zwischen Mitra und Azathoth:

An idiot divinity unleashed upon the world.

http://pathfinderwiki.com/wiki/Azathoth

Der Putsch gegen den Putsch

Habe ich nicht vor kurzem noch die Visum-Freiheit für türkische Staatsbürger gefordert und das mit der Notwendigkeit begründet, dass Oppositionelle, Intellektuelle und Homosexuelle die Möglichkeit haben müssen, sich ohne Umstände einer möglichen Verfolgung zu entziehen? Ich tat es, und ich hatte recht.

Der Putsch des Militärs kam zu spät, um den Putsch Erdogans noch aufzuhalten. Die Verfassung Atatürks ist erledigt, sein politisches Erbe verraten. Der gescheiterte Putschversuch von gestern ist nichts als der Punkt hinter diesem Satz. Die AKP ist langsam und zielstrebig vorgegangen und war so erfolgreich.

Jetzt wird die Parteiführung das Offizierskorps ebenso säubern wie die Gerichte, das Parlament, die Universitäten. Es wird Verhaftungen geben, Folterungen und Prozesse im beschleunigten Verfahren, vielleicht sogar Hinrichtungen und die Aussetzung der nächsten Wahlen. Das ist übrigens genau das, was die Offiziere auch getan hätten.

Auf unsere Politiker ist Verlass. Sie werden dieses Vorgehen dann ebenso verurteilen wie heute noch den Armee-Putsch.