Speculum mundi vel mundi realis?

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Im Drama der Hexerei gibt es keine unbeteiligten Zuschauer und nichts Unverbindliches; die Rolle des Forschers, des Zaungastes ist inexistent. Ob man will oder nicht, man ist Teil des Systems, sobald man es betritt. Das mussten alle erfahren, die sich mit dem Thema beschäftigten, wie etwa der Missionar de Rosny («Die Augen meiner Ziege») oder die Ethnologin Favret-Saada («Die Wörter, der Zauber, der Tod»): Man sucht sich seine Rolle nicht – man wird hineingeworfen und findet sich mitten in einem Schlachtfeld wieder.

Denn das Weltbild der afrikanischen Heiler ist ein kriegerisches: Man ist andauernd bedroht durch Feinde, Verräter, Hexen und andere böse Mächte. Unter der harmlosen Oberfläche ist der Mensch dem andern ein Wolf. Der Heiler ist derjenige, der die zerstörerischen Kräfte erkennt und den Patienten helfen kann, sich zu schützen und sich zu wehren. Ein Zustand der permanenten, totalen Mobilmachung. Und am meisten gefährdet ist der Heiler selbst, weil er an vorderster Front steht und sich mit jeder Intervention neue Feinde macht. «Heiler» klingt schön und sanft, aber in Afrika hat er nichts zu tun mit New Age, Räucherstäbchen und Harfenmusik, sondern mit Gefahr, Bedrohung und Macht.

Stoller träumte als junger Mann davon, so hart und stark wie die von ihm bewunderten Songhai zu werden. Und vielleicht stärkte ihn die Erfahrung des ständigen unsichtbaren Kampfes tatsächlich. Die Einnahme der magischen Medizinen und die Durchführung diverser initiatorischer Rituale führen aber zu keiner Erleuchtung, zu keiner «universalen Harmonie»; eher zu einer Überempfindlichkeit und einer dauernden latenten Angst, weil man hinter jedem lächelnden Gesicht Destruktivität ahnt. Man wird zu einer Mimose, zum Paranoiker. In den Worten Stollers: «Der Zauberer ist sowohl Jäger wie auch Gejagter in einer Welt voller Menschen, die nach Macht streben und es geniessen, ihre Rivalen zu vernichten, egal was ihre Triumphe kosten. 

«Zauberei ist eine Metapher für jenes Chaos, das alle sozialen Beziehungen bestimmt. In allen Gesellschaften bröckeln Dinge und werden neu zusammengesetzt; wir leben alle im Schatten der Zauberei.»

Von Asaph Mehr habe ich jetzt “Aquae et ignis” gelesen, ein in einer Variante des antiken Rom angesiedelte Novelle, deren Held ein Detektiv in einer Welt ist, in der Magie real ist, und Magier in einer, in der Logik funktioniert. 

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