Langsam krieche ich zur Erkenntnis hinauf

Langsam, ganz langsam kommt mir der Gedanke, dass Paula jenseits aller Argumente, jenseits allen gesunden Menschenverstandes ist, während ich langsam, ganz langsam mit meinem Roller einen sehr, sehr langen und steilen Berg hinauf krieche. 

Da geht es in Wirklichkeit gar nicht darum, was ich getan habe oder was ich bin. Irgendwann ging es wahrscheinlich mal darum. Jetzt geht es nur noch darum, dass ich da bin, anwesend bin, existiere. Das legt die Latte für den nächsten Wutanfall ziemlich niedrig. 

Trotzdem wird sie mir wahrscheinlich das Geld für die Reparatur dieses Vehikels in einer Werkstatt genehmigen. Einfach, damit alles so bleibt wie es ist. 

Ihr Leben ist allerdings auch wirklich gut geordnet. Montag, Mittwoch und Freitag geht sie einkaufen, Dienstag und Donnerstag dann ein wenig Hausarbeit, nichts schweres, kein Bügeln, nie Bügeln, Samstag macht sie mich runter, und den Sonntag widmet sie Reality Shows im Fernsehen. 

Sie wird alles tun, um diesen Zustand zu erhalten. Da bin ich mir sicher. Alles, ausser nett zu mir zu sein. Also alles, ausser dem, was ich bräuchte, um keine Veränderung zu wollen. 

Die Erben Dworkins

Ich erzähle mir die Geschichte meiner Fehler und Missgeschicke wieder, sie neu bewertend, Blumen erkennend, wo ich vorher nur soliden Basalt sah, Tore in der Wüste, wie die Amerikaner früher manchmal die Auswege nannten, die nicht zu erwarten waren, und Roger Zelazny eines seiner vorzüglichen Werke.

https://en.wikipedia.org/wiki/Doorways_in_the_Sand

Auf diese Weise kann ich meine Persona vielleicht reparieren, die im Laufe der Zeit den einen oder anderen Schaden, die eine oder andere Delle erhalten hat. Denn ich muss wieder glauben können, ein einigermassen lebenstauglicher Mensch zu sein, vielleicht gar sympathisch. Ich muss mich selber heilen. Paula wird es nicht tun, Maniac wird es nicht tun, und Ambros wird es auch nicht tun. Und wer in unserer Gesellschaft auf einen Termin beim Therapeuten wartet, muss schon jung und gesund sein, damit er auch erlebt, dass ihm die Folgen von Alter und Krankheit behandelt werden.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/casanovas-heimfahrt-5361/1

Was ich gerade erlebe, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Prozess, den Zelazny in seinen ebenso vorzüglichen Amber-Romanen beschreibt. In dem übertragen die Helden magische Fähigkeiten auf sich oder bestimmte Gegenstände, indem sie das „Muster“ oder den „Logrus“ beschreiten, zwei magische Hindernis-Parcours, die zugleich im Kleinen die beiden Teile des Amber-Universums strukturierend abbilden, Ordnung und Chaos, Amber und die Burgen. Je nachdem, welcher seiner Helden den Vorgang beschreibt, ähnelt er dann einer Psychotherapie oder dem Neu-Start eines Betriebssystems, ist aber immer ein Prozess, den man nicht abbrechen darf ohne übelster Folgen gewahr zu sein.

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Chronicles_of_Amber

Nic Silver erwähnt übrigens Zelazny nie, obwohl der Weg nach Tanis durch die Wälder des amerikanischen Nordwestens eine ausgesprochene Ähnlichkeit mit dem Gang über das Muster hat.

https://www.tumblr.com/search/Nic%20Silver

Ich habe aus Angst gehandelt, aus verletzter Ehre, aus geringem Selbstwertgefühl und falsch verstandener Liebe, aus allen falschen Gründen, die man nur haben kann. Ich habe alles unternommen, was mann unternehmen kann. Ich habe sogar mit Paula geredet. Mehr hätte selbst Merlin Barimen nicht tun können.

https://en.wikipedia.org/wiki/Merlin_of_Amber

amber

Normally I get it

In einer Woche voller Schulungsmassnahmen, Communication Meetings und Vorträgen wurde ich immer wieder und von verschiedenen Leuten gelobt. Das ist mir ungewohnt und auch ein wenig unangenehm.
Paula kann ich davon nicht erzählen. Sie reagiert normalerweise mit Aggression und Vorwürfen darauf, wenn mir Gutes widerfährt. Was für Anerkennung gilt, gilt natürlich auch für Gehaltserhöhungen und Beförderungen. Verfolge ich also den Gedanken, über die verbale auch Anerkennung in Form von Geld, Geschäftsreisen und Abenteuern zu suchen, muss ich mich auf Konflikte einrichten.
Eine solche Auseinandersetzung habe ich vor zwei Jahren gewonnen, indem ich mir vom Nassauer, gesegnet sei seine Faulheit, eine zusätzliche Übernachtung in einem Hotel für den Fall genehmigen liess, dass ich nicht nach Hause könnte.  Andere Konflikte habe ich verloren oder im besten Fall nicht gewonnen. Üblicherweise bemühe ich mich daher in allen Lebenslagen, eben auch dann, einen hinlänglich griesgrämigen Eindruck zu machen.
Ich freue mich also nur heimlich, nach innen und in diesem Blog, dann auch daran, dass sie nichts davon weiss. Bis jetzt weiss sie nicht einmal, was ein Blog ist. So will ichs denn auch belassen.

Schwarze Katze

Es begann damit, dass unter einem Strauch im Garten, einem Kirschlorbeer übrigens, ein kleines Kätzchen nach seiner Mutter schrie. Irgendwann habe ich sie dann gefunden und ins Haus befördert, zwecks Ernährung und Aufzucht bis zum Alter der Abgabe an irgendeine harmlose Seele, die kleine Katzen süss findet. Im Deutschen nennt man solche Menschen gerne „simpel“, gibt ihnen aber gerne auch weniger verblümte Bezeichnungen.
Damit stellte sich die Frage, wer am folgenden Tag auf sie aufpassen und sie füttern sollte. Paula betonte da, einen Arzttermin zu haben, von dem unter anderem ihr Krankengeld abhinge. Ich allerdings musste unbedingt zu meiner Arbeit zurückkehren, um Maniac zu vertreten. In Wirklichkeit aber war ich nach vier Tagen zuhause ihrer bis zum Gefühl des Magendrückens überdrüssig und sah mich ausserstande noch mehr davon auszuhalten. Und damit meine ich sowohl Paula als auch dieses Gefühl in meinem Magen, von dem ich hoffe, dass es psychosomatisch ist und nicht der Beginn eines Magengeschwüres.
Wir vertieften diese Diskussion dann bis zu dem Punkt, an dem ich eingestand, nicht weiter zu können, sie von Selbstmord sprach, mir statt dessen aber ein paar Ohrfeigen gab. Ich bat sie daraufhin eindringlich, sich doch eine Stelle zu suchen, damit ich sie verlassen könne. Das bedeutet wahrscheinlich, dass sie genau das Gegenteil tun wird.
Seitdem schweigen wir uns an. Das können wir nach all den Jahren ja recht gut.

Hephaistion und die Kunst der Roller-Reparatur

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