Pfändet mich für 20 Centimes

Im Gegensatz zu meinen Kollegen, die nur noch Youtube-Videos schauen, habe ich Arbeit. Jede Menge. Denn ich muss nicht nur die Fleissarbeiten eines Kollegen aus dem Marketing erledigen, dem Fleiss und Arbeit fremd sind, sondern auch mit einem Anwalt, einem Finanzbeamten und dem Mitarbeiter der Spar- und Raiffeisenkasse kommunizieren. Das sind allesamt Menschen, mit denen ich nicht einmal in einem Darkroom zu tun haben wollte.

Der Anwalt mahnt eine Zahlung bis zum 10.06. an und verspricht, bei Nicht-Eintreffen gleich die Gerichtsvollzieherin vorbei zu schicken. Die soll dann bei uns etwas pfänden. Das ist aus zwei Gründen Blödsinn. Erstens gibt es bei uns nichts zu pfänden, und zweitens habe ich das Geld bis auf 20 Centimes genau schon im Februar bezahlt. Auf eine Mahnung über diese ausstehenden 20 Centimes samt Androhung der Zwangsvollstreckung freue ich mich jetzt schon.

Dem Finanzbeamten konnte ich einige Informationen darüber entlocken, wie ich zu versteuern bin, wenn Paula denn endliche ihre Arbeitsmarktrente bekommt, ein Einkommen, das als Trostpreis für all jene gilt, die für den Kapitalismus so untauglich sind, dass der Staat nicht einmal mehr vortäuscht, sie in irgendeiner anderen Weise als der von Green Soylent der Wirtschaft noch einmal zuführen zu können.

Ich glaube den Bankangestellten von der Idee überzeugt zu haben, unseren Überziehungskredit für einen beschränkten Zeitraum aufzustocken, bis nämlich das Gericht über jenes magische Datum entschieden hat, von dem an Paula oben erwähnte Rente bezieht. Ihm stand wohl vor Augen, dass ohne diesen Eingriff die Bausparkasse keine weiteren Raten zur Abschlussgebühr des Bausparvertrages erhält. Das führte dann wohl zur Rückforderung einer ihm doch sehr ans Herz gewachsenen Vermittlungsgebühr.

Spielt er nicht mit, geht mein Gehalt in Zukunft auf ein Girokonto bei einer anderen Bank mit einem weiteren Überziehungskredit und von dort erst zu seinem Arbeitgeber.

Ich fühle mich von allen Beteiligten dieser Operation genervt und daher vollauf berechtigt, sie entsprechend zu hassen.

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Der Beginn des Zweiten Mittelalters

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Betrat ich in der Vergangenheit das Büro meines Bankberaters, so tat ich es nie, ohne von einer gewissen Verzweiflung dazu getrieben zu sein. Diesmal allerdings hatte man mich gebeten, doch einmal vorbei zu schauen, weil man meine Hausfinanzierung optimieren wolle.

Bemühten sich die Herren von Bank und Bausparkasse am Anfang des Gespräches noch darum, den Schein zu wahren, den diese Formulierung im Anschreiben schuf, war es recht bald damit vorbei. Da ging es nur noch darum, mir für einen Termin in drei Jahren, zu dem ich ein Sonderkündigungsrecht besässe, eine Ablösung meiner Finanzierung zu verkaufen.

Mit dem allergrössten Vergnügen würden sie auch mein Verbraucher-Darlehen einrechnen, damit ich statt 1.200 Ecu monatlich gerade mal mickrige 850 für alle meine Verbindlichkeiten zahle. Zinsen seien dann eigentlich kein Thema mehr und tilgen würde ich monatlich doppelt so viel auf das Haus.

Unterschrieben Paula und ich, so kostete das das Unternehmen zwar gerechnet auf die Laufzeit des Darlehens 50.000, da aber eh nur gemessen würde, was sie nun abschlössen, sei ihnen das reichlich egal. Offen nannte man mir die Namen von Filialen, die nicht mehr zu halten seien, ginge dieser quasi-zinsfreie Zustand auf dem Finanzmarkt noch zwei Jahre weiter.

Jeder Hinweis auf unsere fragile Finanzlage wurde geflissentlich ignoriert, jeder Wunsch nach Bildung einer Rücklage, auf die im Falle eines Problemes zurück zu greifen sei, abgeschmettert.

Aus ihrem Angebot und ihren Sätzen sprach die Verzweiflung von Männern, denen das Wasser bis zum ungewaschenen Hals steht. Die Welt der Banker steht dieser Tage auf dem Kopf. Schon sehen sie den Tag herauf dämmern, an dem sie dem Kunden Geld dafür anbieten müssen, dass er ihnen überhaupt noch Geld abnimmt, schlimmer noch den Tag, an dem sie mit dem Berater des Arbeitsamtes über berufliche Alternativen sprechen müssen. Sie hoffen auf eine exzessive Inflation und fürchten eine Weltwirtschaftskrise von jenen Ausmassen, wie sie der Historiker als „das Mittelalter“ zusammenfasst.

Ich habe das unbestimmte Gefühl, die Beiden verwalteten auch die Finanzen der Robert Baratheon Nachf.