Amy Chaos Chaos der Liebe

Von Mord zu Mord arbeite ich mich durch die dritte Staffel von “Slasher”. Im Augenblick ist die Frage, die mich am meisten beschäfigt, nicht die nach der Identität des Mörders mit dem Pseudonym “Der Druide”. Es ist die Frage, was Amy Chao durch ihre VR-Brille sah, als sie mit ihrem Lebensgefährten tat, was Menschen im Allgemeinen so gerne miteinander tun. 

Von einem ganz allgemeinen Interesse abgesehen, vergleiche ich, wie dieser asexuelle Charakter in der Serie gezeichnet wird, mit meinen eigenen Erfahrungen. Ihr entgeht zum Beispiel völlig, dass Kit mit ihr flirtet. Ich hingegen flirte gerne, vorzugsweise mit molligen Frauen, die halb so alt sind wie ich und mit wenig Erfolg. Ich würde gewiss stehenden Fusses Reissaus nehmen, ginge eine von ihnen darauf ein. 

Die Ungleichheit von Amys Verlangen und dem Xanders hat ein nicht unerhebliches Konflikt-Potential, das zum Tod Kits beiträgt. Denn Xander kann sich nicht vorstellen, dass Amy asexuell ist – ein Wort, das nie fällt, aber auf dem Display ihres Handys zu lesen ist, bevor sie Sex haben – und unterstellt ihr eine Beziehung mit Kit. Er bricht deshalb in dessen Wohnung ein und macht es ihm so unmöglich, in ihr vor dem Druiden Zuflucht zu finden. 

Diese Art Konflikt ist mir durchaus bekannt. Meine Sexualität wirft Paula mir regelmässig vor. Tatsächlich ist es wahrscheinlich ein Vorwurf, der ihr sogar besonders am Herzen liegt. Den Begriff Asexualität kennt sie nicht, die Existenz dieser Ausrichtung würde sie aber auch leugnen. 

Von Druiden, Barden und anderen Trägern der keltischen Kultur war bisher noch nichts zu sehen.

Niemand kann zur Liebe ermutigen als ich selbst

Kein Paar, auch das beste nicht, kann zur Liebe ermutigen.

Dieses Zitat von Marguerite Duras nimmt mich in warme Umarmung. Es spricht zu mir, bestätigt mich darin, dass dieser Bereich des Lebens mir verschlossen ist, dass ich Recht habe. Aber das ist natürlich falsch. 

Laut dem freundlichen Internet können nämlich viele Asexuelle lieben und manche haben sogar Sex mit anderen Menschen. Deren Vornamen sie kennen. Die sie vielleicht sogar lieben. Ob das auch für mich gilt, ist eine andere Sache. 

Falsch ist diese Einstellung natürlich vor allem in dem Sinne, dass sie allein Paula dient. Sie begründet, dass ich mich ihr als der einzigen unterwerfe, die bereit war, mich in ihrer Nähe zu dulden. Wie grosszügig ist es doch von ihr, dass sie sich dazu nötigte.

So wenig ich aber nun die Menschen als Spezies schätze, darf ich doch nicht allen ihre Fehler unterstellen. Die Herren Ambros und Schrammel und der Kleine Bruder waren und sind mir freundlich gesinnt. Gut ein halbes Dutzend Menschen hat im Laufe meines Lebens Interesse an einer Beziehung mit mir geäussert. 

Das ist vielleicht wenig, aber dann doch so wenig nicht, vergleicht man es jedenfalls mit dem, was mir Paula beschreibt.

Blümchensex und Salzkartoffeln

Bekomme ich ein Handgeld, wenn ich der Krankenpflegeschule einen Bewerber bringe? Ich hätte da noch Platz auf meinem Paypal-Konto.

Ich versuchte am Wochenende, den Dreifach Abgebrochenen zu einer solchen Karriere zu überreden, hatte mich vorher aber darüber nicht informiert. Mir schien er ob seiner Ausbeutungswilligkeit und verträglichen Art recht geeignet für dieses Metier. Zugleich war ich leidlich optimistisch, dass er die Einjährige Ausbildung schaffen könne.

In Verbindung mit einem Ausbildungsgehalt und einer Auswahl an jungen Schwesternschülerinnen, Schwesternhelferinnen und Medizinischen Fachangestellten eignete sich diese Ausbildung auch Ablenkung von seiner Trennung von Taylor-Marie Kowalowski.

Ihre Wünsche und Hoffnungen waren zu verschieden. Er wünschte sich Harmonie und Salzkartoffeln und hoffte auf Blümchensex, sie wünschte sich Drama und Antidepressiva und… aber da kann ich nur spekulieren.

Sie hat mich mal, wie sagt man, angemacht, als wir zusammen in einem Kleinwagen eingesperrt waren. Ich habe es ihr ausgeredet. Minderjährigkeit und psychische Probleme finde ich wenig attraktiv. In diesem Zusammenhang verweise ich auf den vorläufigen Höhepunkt der Trennung, bei dem die strunzbesoffene Taylor-Marie vor des Dreifach Abgebrochenen Türe kniete und ihn anflehte, ihr ins Gesicht zu treten. Er würde es sonst bereuen!

Meine Neigungen sind da einfach andere.

Greg Bear, Aeon


Das Wunderland

Ich betrat das Bankhaus Lombard in der Bahnhofstrasse um 14:00 Uhr. Irgendwann hatte diese Strasse einmal Kaiser-Wilhelm-Strasse gehiessen. Das war lange vor der Einführung des Internets gewesen, das fast alles kann, aber keine Schecks einreichen.

Für die Bankkauffrau hinter dem Schalter hingegen war das eine einfache Übung. Immerhin hatte sie gerade erst vor einigen Tagen diese Aufgabe schon einmal bewältigen müssen. Einige Minuten und eine Unterschrift später war ich in der Lage, die Rechnung der Zahnärztlichen Abrechnungsstelle per Überweisung zu begleichen.

Wo ich schon einmal in einer IRL-Bank war, zahlte ich auch ein Pfund Geldscheine ein, die sich so… angesammelt… hatten. Es ist immer wieder überraschend, wieviel zusammen kommt, wenn man von jeder Runde auf dem Pizza-Karussell einen Ecu abzweigt. Ich behielt soviel übrig, dass ich eine Übernachtung in einem preiswerten Hotel bezahlen konnte. Sicher ist sicher.

Zu diesem Zeitpunkt war ich schon zwei Stunden unterwegs gewesen. Eine Stunde hatte ich für den Weg vom aktuellen Standort von Yoyodyne Europe zum neuen benötigt, eine halbe von dort dann zum Hauptbahnhof, wo ich mein Vehikel neben einer V-Clic parkte. Ich hätte schneller sein können, jedoch riet das unvertraute Terrain zu einer vorsichtigen Teilnahme am Strassenverkehr.

Der neue Unternehmenssitz befindet sich auf dem Gelände einer alten, denkmalgeschützten Drahtseilfabrik. Das Areal ist riesig, die Reiferbahn leer, die Werkhallen und Lagerräume auf der anderen Hälfte zum Teil ausgehöhlt und mit Büro-Containern gefüllt, zum anderen Teil zu Werkstätten umgebaut. Ein offener, aber überdachter Teil ist abschnittsweise eingezäunt.

Dort stehen dann Wohnmobile, alte Autos, Baumaschinen zur späteren Wiederverwendung.

Diese Disproportionalität und die Abgeschiedenheit von dem Stadtteil, zu dem die Anlage formell gehört, irritiert. Es scheint den Keim dauerhafter Unvollendung in sich zu tragen. Das hierzu befragte Buch der Wandlungen weist auf den Sinn und Nutzen von Schranken und Beschränkungen hin. Gerade sie aber fehlen in gewisser Weise.

Dafür hat es in der Umgebung ein Bordell und eine Roller-Werkstatt, die von Motorini-Pizzini. Die Befähigung des Herrn Pizzini zur Reparatur von La Mosca ist noch von ihm zu dokumentieren.  

Zum Bordell, das Wunderland heisst, kann ich noch nichts sagen, als das der Eintritt 70 Ecu kostet. Ein Betrag, der für die Leistungen angemessen sein mag, aber in keiner Relation zu meinem Mangel an Bedürfnis danach steht

Der einzige Discounter in leidlicher Umgebung liegt schon auf dem Gebiet jenes Stadtteiles, zu dem die Anlage gehört und nicht gehört.  Er ist wegen seiner Einwohner bekannt, die im Ruf stehen, fehlendes Geld durch kriminelle Energie zu ersetzen. Die meisten, die ich auf der Strasse sah, wären RTL2  für “Armes Deutschland” zu herunter gekommen gewesen.

Gebt mir einen Grund!

Eine der Sachen, die Paula zutiefst kränkt, ist meine Asexualität. Sie kennt den Begriff nicht, und er wäre ihr auch schnurz.

Immerhin weigert sich da jemand, ihren Wünschen und Bedürfnissen zu entsprechen. Ob er nicht kann oder nicht will, das ist ihr gleich.

Ich entsprach ihren Wünschen früher, tue es aber nicht mehr, weil sie mir nicht das Gefühl gibt, mich zu lieben. Warum sollte ich mich da mühen, mich da überwinden?

Habe ich eine leberwurstgraue Aura?

Die Busfahrerin hatte eine leberwurstgraue Aura. Grimmig wirkte sie, ältlich, eine, die das Leben gebeutelt hatte und die gelernt hatte, zurück zu beissen.

Entsprechend überrascht war ich, als sie mich ansprach. Ob ich denn öfter die Strecke von Lützeldorf nach Saalbach führe? Es gäbe da eine Sparkarte für all jene, die zwar nicht regelmässig, aber doch öfter den Bus nähmen. 14 Ecu zum Jahresanfang investiert sparten später an jeder Fahrkarte 20%.

Das ist eine Information, die sich als nützlich erweisen könnte. MIt den Lenoires als Mechanikern für La Mosca, meiner eigenen völligen Inkompetenz in vielen Lebensbereichen und Paulas ausgeglichenem Wesen musste ich meine Beziehung mit den Kreisverkehrsbetrieben neu definieren.

In dem Moment, als sie mich ansprach, hatte ich gerade versucht, mir etwas unanständiges mit einer jungen Dame vorzustellen, die ich vor einigen Tagen gesehen habe. Das erwies sich schwieriger als früher. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht daran, dass ich mich von dieser Seite des menschlichen Lebens immer weiter entferne.

Es heisst zwar, Sexualität sei schön. Viele betonen aber, das gelte im Besonderen, widme man sich ihr mit jemandem, der einen liebt und respektiert. Das Gefühl habe ich aber bei Paula nicht. Liegt vielleicht an der Art, wie sie mit mir spricht, oder an der Lautstärke, mit der sie es tut.

Teilweise bin ich daran selbst schuld. Zwänge, Depressionen, eine Angststörung und eine schwach ausgeprägte Empathie begründen ein Verhalten, das sehr oft verletzend ist. Ich weiss das. Habe ich vielleicht auch eine leberwurstgraue Aura?

Leberwurstgrau