War ja noch vor dem Krieg, wir hatten ja nichts

Früher war alles viel früher. Wir hatten zum Beispiel kein Youtube. Eigentlich hatten wir ja gar nichts, war ja noch vorm Kriesch.

Dafür hatten wir Zigarettenstummel überall auf den Böden der Bahnhöfe und in Aschenbechern in Wohnzimmern. Damals war das Rauchen in der Wohnung noch nicht auf soziale Randgruppen beschränkt.

Die konnten seinerzeit übrigens im Fernsehen noch nicht sehen, wie schlecht es ihnen ging. Es gab nämlich nur zwei Programme, und keines davon war RTL. Sowohl im “Tatort” auf ARD als auch bei “Derrick” auf ZDF mordete man vorzugsweise in besseren Kreisen, so das wirtschaftswachstumsbedingte Wachstum dieser sozialen Klasse mühsam in Schach haltend.

Wir lasen damals noch Bücher auf PAPIER! Ich bitte die jüngeren Leser dieses Blogs, sich das einmal vorzustellen! Aber in diesem Medium brachten uns Edward Hornung und Agatha Christie nahe, dass es Homosexuelle gab, und Arthur Conan Doyle und Rex Stout erzählten uns von Asexuellen.

Die Töchter der Sappho waren in der Kriminalliteratur übrigens unterrepräsentiert. So beraubten die klassischen Kriminalschriftsteller Natasha Negovanlis vorab grossartiger Filmrollen. Dafür hatten wir Jodie Foster, für die einmal jemand einen US-Präsidenten töten wollte.

Es waren raue Zeiten, in denen kein Wohnzimmerschrank kein Barfach hatte. Dort hoben unsere Eltern zwar keine Barren von Gold auf, dafür aber eine frei zugängliche Auswahl von Likören und Schnäpsen. Als Kind musste man halt selbst entscheiden, wie interessant das war. Ich mochte es nicht.

Aber ich hatte damals ja einen Crush für das Mädchen in der Parallel-Klasse, allerdings  auch einen für Conan den Cimmerier. Dem konnte die schauspielerische Darstellung von Arnold Schwarzenegger abhelfen. Der Charakter in den Geschichten war bei weitem anziehender.

Der Überwachungsstaat war noch analog, der Terrorismus hausgemacht, argumentierte aber nicht weniger abstrus als die aktuelle Variante. An den Postämtern, die es noch in jedem Ort gab, weil jeder Briefe auf PAPIER verschickte, hingen die Photos der Terroristen.

Die Bundesrepublik Deutschland war die Staatsform des Militärisch-Industriellen-Komplexes. Zahlreich waren die Verbündeten, Amerikaner, Briten, Niederländer, Kanadier, Belgier, zahlreich war die Bundeswehr. Sie allein hatte 500.000 Soldaten. Dazu gab es eine stehende Reserve-Division in der Uniform des Bundesgrenzschutzes und eine Million Reservisten, bereit, sich im nächsten Zeughaus mit Waffenrock, Büchse, Strahlbomber und Panzer zu versehen.

Sie sollten den Feind, den Russen, der dann auch mal Tschechoslowake, Ukrainer, Pole, Ungar, auch Ostdeutscher sein durfte, so lange aufhalten, bis die tapferen Allierten zur Hilfe kämen. Dann sollte laut Planung der Weltuntergang damit beginnen, dass die tapferen Krieger gegenseitig ihre Städte atombombadierten. Dafür gab es dann einen präzisen Plan. Ein Wiederaufbau war nicht vorgesehen.

Es waren also unheitere Zeiten, die niemand vermisst als die Kinder und Enkel derer, die sie erlebten, die nun ihre Unwissenheit vor dem Wissen behütet. Dem soll dieser Text vorbeugen. Doch habe ich gelernt, dass der Mensch nichts lernt. Entsprechend hoffe ich nicht.

Kauft nicht beim Österreicher!

Ich schrieb vor kurzem davon, dass man sich Vorurteile leisten können muss. Tatsächlich muss man sich die Menschen nach Hautfarbe, ethnischer und religiöser Zugehörigkeit aussuchen können, mit denen man sich umgibt oder in deren Abhängigkeit man steht. Ganz so einfach ist das aber in Wirklichkeit nicht.

Denn man kann sich zwar frei entscheiden, dass man Buffy The Vampire Slayer nicht gut findet, weil Sarah Michelle Gellar, Alyson Hannigan und Michelle Trachtenberg Jüdinnen sind, und man kann vielleicht Rihannas Musik ablehnen, weil sie schwarz ist, und die von Freddy Mercury, weil er schwul war. Aber es ist schwierig, den einzigen Arzt im Ort abzulehnen, weil er Perser ist, wenn man sich nicht leisten kann, zum nächsten Ort zu fahren, um zu einem nicht-arischen Arzt zu gehen.

Und es ist schwierig, Vorurteile gegen einen Arbeitgeber zu haben, der einen fair behandelt, gegen den Kollegen, der Arbeit, Sorge und Pizza am Mittagstisch mit einem teilt, und den Kunden, der einen ernährt, nur weil er dies oder jenes ist, dies oder jenes glaubt und diesen oder jene liebt. Das macht Vorurteile zu einem Privileg, das man sich in meinen Kreisen einfach nicht leisten kann.

Arm zu sein ist eben kein Vergnügen, fördert aber in meiner Wahrnehmung die Toleranz. Die Klingelbretter in Hagen, die für manche Wohnung arabische und deutsche, italienische und ukrainische, türkische und russische Namen kombinieren, scheinen mir darin Recht zu geben.

Und wieso hat keiner Vorurteile gegen Österreicher? Immerhin hat dieses Land vier Diktatoren hervor gebracht (Schuschnigg, Dollfuss, Hitler, Unger von Sternberg), einen kalifornischen Gouverneur, einen Serienmörder, die notorische amerikanische Politiker-Familie Bush und einen in der Darstellung von Natasha Negovanlis auch gut aussehenden Vampir. Gemessen an der Grösse dieses Staatswesens ist das einigermassen besorgniserregend.

Und wo sind die Vorurteile gegen Isländern? Von denen scheinen etliche von einer Amerindianerin abzustammen, die aus Vinland auf die Insel kam. Nach der strengen Auslegung der rassistischen Doktrin, wie sie vor zwei Generationen noch in den amerikanischen Südstaaten galt, macht sie das zu Mestizen.