Ich drehe das Gaslicht herunter

Ich verinnerliche eine Idee, die für mich gleichzeitig neu und alt ist. Was ich mich da bemühe zu begreifen, ist dass Paula sich recht bedacht jeder anderen Person entledigt, die nicht „funktioniert.“ Ihre Mutter, ihre Schwestern, ihr Bruder und diverse „beste Freundinnen“ sind im Lauf der Zeit deswegen aus ihrem Leben verschwunden.

Ich hingegen bin noch da. Das macht aus mir wohl einen Idioten. Für sie gibt es sicher auch eine Bezeichnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine nette ist.

Die ganze Paula lässt sich recht einfach an einem Beispiel erklären: Da geht eine recht breite Frau durch einen nicht allzu breiten Gang in einem Baumarkt. Die Regale sind weit genug voneinander entfernt, dass zwei Menschen nebeneinander gehen könnten. Sie geht aber selbstbewusst genau in der Mitte des Ganges, sodass ihr Begleiter rechts oder links von ihr, aber nie auf gleicher Höhe mit ihr gehen kann. Dann dreht sie sich um und macht ihm Vorwürfe, weil er nicht an ihrer Seite ist.

Play-Pen-Bunny

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(Vorbauelement)

Bunny erweist sich als eine Mogelpackung im positivsten Sinne. Denn wo sie als junge Frau mit heftigen „Vorbauelementen“ in der Bluse harmlos wirkt, ist sie in Wirklichkeit eine geschickte und intelligente Taktikerin.

Und sie ist stinksauer auf den Tzaren und einige Leute mehr. Er hat ihr nämlich einen Bonus im Wert von 5.000 Ecu gestrichen. Seine Begründung war, dass er ja nicht durchgelesen hätte, was er vorher unterschrieb.

Darauf habe er sich ihrer Darstellung nach dann entschuldigt, gefragt, ob sie wirklich über gerade mal 5.000 Mücken redeten und sie dann vollends überzeugt, indem er ihr die Kündigung anbot. Sie ist noch da, ärmer und weiser. Immerhin hat sie einiges darüber gelernt, was sie von Vorgesetzten und engsten Kollegen erwarten kann.

Das beförderte nun ausgerechnet mich zu einem ihrer bevorzugten Assistenten bei der Gründung eines Betriebsrates. Dabei hoffte ich doch nur auf eine mit Kündigungsschutz verbundene Position als Reserve-Mitglied. Ich wäre auch bereit, mich vom Tzaren in irgendeiner Weise bestechen zu lassen, gäbe es denn in seinem Portemonnaie eine Münze, die dafür klein genug wäre.

Ich bin kulturlos

Einen „kulturlosen Deutschen“ nannte mich Miguels Sprössling, selber ein überzeugendes Argument für die Eugenik, als ich den Chianti Riserva im Kühlkeller suchte. Aus naheliegenden Gründen habe ich mich allem Wissen in diesem Bereich des Lebens verweigert.

Ich WILL die Unterschiede zwischen Riesling und Valpolicella gar nicht wissen. Schliesslich kannte mein Vater sich da allzu gut aus, so gut, dass ich bis heute einen Widerwillen gegen das ganze Sujet habe. Der alte Herr trank soviel von diesem und jenem und Pernod-Ricard und Karlsbrunner Export-Bier, dass es für uns beide reichte.

Er war der Spross einer Dynastie von Trinkern, die bis ins 14. Jahrhundert in die Schankwirtschaft des Henne Cryfts in Kues zurückreichte. Mein Neffe, seine Ahnen ehrend, hat diese Tradition ins 21ste Jahrhundert transponiert und raucht tüchtig Haschisch.

Ich hingegen halte mich von diesen Dingen fern, meiner eigenen Selbstkontrolle mit einiger Berechtigung misstrauend. Ich weiss um meine Bereitschaft, mich in den sonderbarsten Dingen zu verlieren. So schliesslich hat Paula es ja geschafft, mir eine Unterlegenheit einzureden, die noch jene übertrifft, die mir ohnehin zu eigen war. Wäre es ihr auch ohne diese Voraussetzung so schön gelungen?

Du, das macht mich echt voll betroffen

Betroffen sahen die Gefährten sovieler meiner Jahre aus, als der Tzar ihnen seine Strategie darlegte, die vor allem aus einem Mangel an Strategie bestand. Betroffen waren sie allerdings vor allem, weil seine Ideen zur Kostensenkung nicht ihre Entlassung beinhaltete. Denn allesamt hatten sie schon ihre Bewerbungsunterlagen gerichtet und die zu erwartende Abfindung berechnet.

Vergebens war mein Bemühen gewesen, sie von dieser Erwartung zu befreien. Denn sie gründet sich auf ein fundiertes Unwissen über den Inhalt des Paragraphen 1 a des Kündigungsschutzgesetzes. Da muss der zukünftige Ex-Arbeitgeber nämlich einiges an Vorarbeit leisten:

Der Anspruch setzt den Hinweis des Arbeitgebers in der Kündigungserklärung voraus, dass die Kündigung auf dringende betriebliche Erfordernisse gestützt ist und der Arbeitnehmer bei Verstreichenlassen der Klagefrist die Abfindung beanspruchen kann.

und dann auch noch zahlungsfähig sein.

Jetzt sind sie wieder an ihr Tagwerk gegangen, genauso tüchtig motiviert wie sie es vorher waren, getreu der Regel, dass jedes Unternehmen genau die Mitarbeiter hat, die es verdient. Bunny widmet sich derweil der Aufstellung eines neuen Betriebsrates. Mich hat sie dafür auch schon im Auge, habe ich doch immer noch Zugriff zur elektronischen Ablage des Vorgänger-Gremiums.

Die Hübschlerin

Shajenne hat mich dann doch überrascht. Als ich sie nämlich vor kurzem mit dem Pizza-Corsa nach Hause beförderte, klagte sie mir ihren Mangel an einem männlichen Gefährten. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Minderjährige sind weit ausserhalb meines Fokus.

Sie sowieso.

Bis zur halben Strecke war ihr wieder eingefallen, dass sie ja im Augenblick auch gar keine Beziehung wollte. Schliesslich will sie ja nach dem Schulabschluss noch eine Berufsfachschule in Köln besuchen, deren Absolventen sich der Verschönerung des Menschen verschrieben haben. Das war jetzt deutlich mehr Ehrgeiz und Triebverzicht, als ich ihr je zugetraut hätte.

Stanislaw Lem nannte die, die sich diesem Metier widmeten, in seinem „Futurologischen Kongress“ „Hübschlerinnen.“

https://www.youtube.com/watch?v=X5PwzVpvkDk