Jenseits des Mondes

Stellen wir uns mal vor, ich könnte schreiben und verfasste einen Science-Fiction-Roman. Der könnte dann so aussehen:

Erde und Mond sind im Jahr 2160 ein einziger Staat, regiert von einem Präsidenten, dessen Bild in jedem Büro und jedem Ladengeschäft hängt. Da schon sein Vater und sein Grossvater Präsidenten waren, könnte man von einer Monarchie sprechen. Also, wir könnten das, denn seine Untertanen, die Bürger jenes Gäanischen Reiches tun es mit Vorsicht nicht. Denn anderenfalls finden sie sich schnell aus ihrem beschaulichen Leben heraus gezerrt, um als Freiwillige in einer Kampf- oder Arbeitsbrigade an der Eroberung des Sonnensystems teil zu nehmen. Dieses Unterfangen und die heldenhaften Mühen der Freiwilligen preisen die Medien ununterbrochen, jedoch finden sie stets fern der Heimat und unter unangenehmen und gefährlichen Bedingungen statt. Die Urbarmachung der Amazonas-Wüste, der Bau unterseeischer Städte und die Erschliessung der Utopia Planitia-Ebene auf dem Mars fordern unzählige Opfer.

Jedoch ist mancher, der auf Erden als tot gemeldet wird, in einen der anderen Staaten auf dem Mars desertiert, von denen es Dutzende im Noctis Labyrinthus und noch mehr an anderen Stellen des Planeten gibt. Jenseits des Mars aber erstreckt sich die unbekannte Weite des Raumes, in den nur heldenhafte Besatzungen vorstossen, um die Asteroiden und die Äusseren Planeten zu erforschen. Die Entfernung vom Mars zu den Asteroiden ist doppelt so weit wie die von der Erde zum Mars und jeder der anderen Planeten liegt noch einmal doppelt so weit von seinem erdnäheren Nachbarn entfernt. Und auch mit der neuesten Antriebstechnologie braucht man für die Reise zwischen den beiden bewohnten Planeten des Systems rund 70 Tage.

Die Geschichte, die ich nicht schreiben werde, beginnt damit, dass jemand versucht, Valeria Moynes umzubringen. Das ist höchst bedenklich, aus offensichtlichen Gründen für Valeria aber auch für die Zukunft des Gäanischen Reiches, denn als einzige Tochter des Präsidenten ist sie seine designierte Nachfolgerin. Sie wendet sich an ihren Onkel, den Vizepräsidenten, um Schutz vor ihren Verfolgern zu finden. Während sie aber in seinem Büro auf ihn wartet, entkommt sie nur knapp dem nächsten Attentat. Eher zufällig trifft sie auf der Flucht den Kapitän eines Handelsschiffes, dem sie sich anschliesst. Er nimmt sie dann als Reinigungskraft und Küchenhilfe mit auf einen Flug zum Mars. Schritt für Schritt lernt sie, dass mit zunehmender Entfernung von der Erde die Verehrung ihres Vaters, die Begeisterung für seine Pläne, der Einfluss der neo-kantianischen Philosophie und die Heterosexualität drastisch abnehmen. Sie lernt aber auch einiges über die Abläufe auf einem Raumschiff, die Zubereitung von Essen und Toleranz.

Auf dem Mars ist ihr dieses Wissen nützlich. Denn schon in der Utopia Planitia geht es anders zu als im Mutterland. So nennen die Siedler und Soldaten dort die Einheit aus Erde und Mond, die sie mehr oder weniger freiwillig verlassen mussten. Ihre Hauptstadt heisst Neu-Jerusalem, denn sie wurde von israelischen Spezialisten für die Urbarmachung von Wüsten gegründet, die als erste auf den Mars umgesiedelt wurden. Essen ist wichtig, denn die Beschaffung der Zutaten ist schwierig. Toleranz ist wichtig, denn im Gegensatz zur Erde wird auf dem Mars die Ausübung der verschiedenen Religionen von der Regierung nicht unterdrückt. Verschiedene jüdische Sekten unterhalten Synagogen in der Stadt, Orthodoxe und Unitarier haben Kirchen und Buddhisten und Sikh Tempel. Valeria mietet einen Schlafplatz in einem Slum, dessen Hütten aus ausrangiertem Baumaterial errichtet wurden. Sie arbeitet als Kellnerin und besucht verschiedene Gottesdienste, um etwas über Religion zu lernen und die Mars-Bürger des Gäanischen Imperiums zu verstehen.

Mit einer örtlichen Sitte allerdings hat sie Schwierigkeiten. Schon auf dem Schiff hat sie das Sprichwort gehört: „Jenseits des Mondes sind alle Frauen schön“, das andeutet, wie wenige Frauen es unter den Raumfahrern und Kolonisten gibt. Entsprechend viele Angebote erhält sie. Dem eines Bauern- und Brauer-Kollektivs kann sie sich nur durch die Flucht entziehen, während ihre acht Bräutigame noch über Reihenfolge und Vorrang diskutieren. Mit einem unitarischen Priester, den sie vorher schon kennen gelernt hat, bereist sie nun von Neu-Jerusalem aus die Farmen und Siedlungen im Umland.

Viele Höfe werden von Familien geführt, die ganz konventionell aus Mann und Frau und Kindern bestehen, andere von zwei Männern, die manchmal ausnehmend hübsche Kinder haben. Auch sie zeigen ein lebhaftes, allerdings weniger sexuelles Interesse an ihr. Es stellt sich bald heraus, dass ein Labor in einem Nachbarstaat Klonkinder, vorzugsweise Mädchen liefert. Neugierig tritt sie die Reise in diesen Staat in der Marina Syrtis an. Das ist die Stelle um einige hinlängliche technische Ausführungen über das Leben in Höhlen und Biodomen und die Landwirtschaft bei knappem Sauerstoff und Wasser einzufügen, die aus wissenschaftlichen Studien anderer stammen. Ein Versehen führt sie auf einen Umweg und der in einen Krater, an dessen einer Seite die Ruinen einer Siedlung sein könnten. Sie macht einige Fotos und versucht, die Stelle auf einer Karte zu markieren. GPS gibt es auf dem Mars noch nicht, weil es zu wenige Satelliten gibt.

Im Freistaat Marina Syrtis gibt es eine quasi-demokratische Regierung. Sie tauscht zwei ihrer Eizellen gegen eine Ausbildung als Technikerin für Lebenserhaltungssysteme und ein nennenswertes Sümmchen in lokaler Währung, von dem sie für einige Monate leben kann. In dieser Zeit reist sie mit einer Gruppe anderer Techniker ins Noctis Labyrinthus, um dort in einem der Staaten dort, dem Herzogtum, die Luftfilter einer Höhlenstadt zu reparieren. Danach will sie dort bleiben, um diese Gesellschaft kennen zu lernen. In dieser Zeit hört sie davon, dass sie auf der Erde für tot erklärt wurde, ihr Onkel einem „Unfall“ erlegen ist und ihr Vater einen ihrer Cousins, einen Geheimdienst-Offizier, adoptiert und zu seinem Nachfolger ernannt hat.

Von allen Verpflichtungen im Mutterland befreit, heuert sie auf einem Raumschiff ohne gäanisches Raumfahrzeugkennzeichen an. Das Schiff ist ein Haufen Recycling-Metall mit einem Recycling-Antrieb, das nach 72 Tagen an einer Raumstation anlegt, die auch nach ungezügelter Wiederverwendung von Materialien aussieht. Mit ihr aber lässt sich der Flug zu den Asteroiden deutlich vereinfachen. Kann dieser Roman mit einigen philosophischen Bemerkungen und im Anflug auf die Hauptstation Ceres enden?

 

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