Der Advenstkalender im Flur

Ich betrete das Haus durch die Vordertür und prüfe mit einem Blick auf den Adventskalender Paulas Laune. Hatte sie das Türchen geöffnet und die Schokolade genommen, würde alles in relativer Ordnung sein.

Sie würde mir davon erzählen, dass jemand die Luft aus einem Autoreifen gelassen hatte, wahrscheinlich als ich den Wagen der Pizzeria gegenüber geparkt hatte. Ich würde einen meiner Kollegen im Verdacht haben, ihr davon aber nichts sagen. Sie würde dann nur auf den ohnehin augenfälligen Punkt hinweisen, dass mir solche Dinge passieren, nur mir und weil ich bin, wie ich bin.

Ich würde ihr statt dessen sagen, dass die Abschlussgebühr im Darlehensvertrag nicht fürs Darlehen, sondern für den Bausparvertrag sei, der Anspruch der Bausparkasse also berechtigt ist und die Bezahlung so unumgänglich wie unmöglich. Hatte sie das Türchen nicht geöffnet, enthielte das Gespräch mehr Vorwürfe und wäre lauter.

Etwa eine Stunde später werde ich wieder in den Corsa klettern, und mein Huawei-Mobiltelefon wird die neueste Episode von „Hello from the Magic Tavern“ spielen.

Vom Untergang des Abendlandes bei gratis Kakao und Keksen (und wlan)

Der Zustand unserer Gesellschaft ist ein beklagenswerter. Da gelten die Aphorismen der Stefanie Sargnagel als Literatur und die netteste Person, die mir in den letzten Wochen begegnete, war ein Anwalt. Dabei wären die Angehörigen dieses Berufsstandes doch in einer robusteren und weniger dekadenten Gesellschaft nichts anderes als Söldner und Gelegenheitsganoven. Ich hatte ihn besucht, um mich zum Rechtsstreit beraten zu lassen, den ich (also Paula) mit dem Zahnlückigen anfangen will.

Als eingetragenes Mitglied des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs habe ich auch die Verkehrsrechtschutzversicherung, die dieser Verein vertreibt, und kann mir so ein solches Unterfangen leisten. Muss er nun Geld heraus rücken, kommt der Zahnlückige gut weg; die Alternative wäre der Besuch zweier junger und physisch kapabler Pizzafahrer gewesen, die seinem Gesicht meine Meinung sagten.

Ich lernte dabei einiges über das Gewährleistungsrecht, das ich längst hätte wissen müssen, und en passant auch über meine Chancen, den Steuerberater nicht zu bezahlen, und die Berechtigung, mit der die Spar- und Raiffeisenkasse eine Kredit-Abschlussgebühr von mir zu verlangt.

Nicht alles davon gefiel mir, aber alles war nützlich. Genauso war es mir morgens schon beim Arzt ergangen. Wo ich Hodenkrebs befürchtet hatte, fand er nur eine Entzündung eines Nebenhodens, die er nicht einmal eines Antibiotikums würdig fand. Dafür gefiel ihm die Form einer meiner Nieren nicht. Die sei nicht nierenförmig genug, ja, da sei sogar eine Verdickung, die computertomographiert werden solle, vorzüglich in jenem Krankenhaus, wo er Belegarzt ist. Ich entschied mich für ein anderes mit kürzerer Wartezeit.

Die Zeit zwischen meinen Terminen verbrachte ich im nächstgelegenen skandinavischen Möbelhaus, wo Heizung, Kakao, Kekse und wlan gratis waren. Ich las, beobachtete der Menschen viele, begutachtete Geschirrtücher als zu dünn und whatsappte mit dem Poliziotto, Ambros und dem Kleinen Bruder. Irgendwann machte ich sogar im Wartebereich ein Nickerchen. Es war ein früher Probelauf für ein Leben als Rentner.

Man muss sich ja mal ganz langsam an diesen biografischen Abschnitt heran denken, so man so lange noch lebt. Und ohne Hodenkrebs ist das ja gar nicht mal ausgeschlossen.

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Menschen!

“I’m not sure if people have become less interesting, or if I’m just less interested in people.”

http://www.humansofnewyork.com/post/154135337676/im-not-sure-if-people-have-become-less

Oder um Matthäus Loska zu zitieren, der um ein weniges darüber hinaus geht:

Und wenn sie nicht gestorben sind, hast Du nicht richtig gezielt.

unfugbilder.tumblr.com

Gallaher und Ellis formulieren es etwas anders, aber ebenso prägnant:

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https://tapastic.com/series/Box-13

Goodbye, Tiva, Adieu, mein Freund

Fähiger zur Liebe des Fernsten als des Nächsten weinte ich mich durch das Staffel-Finale von NCIS. Eigentlich aber vor allem, weil das für Freund und mich immer das Schönste gewesen war, wenn wir Sonntag Abend zusammen auf der Couch gesessen und diese Serie gesehen hatten.

Jetzt liegt der silberne Kater neben mir, physisch den Platz mehr als einnehmend, den bis zum Februar mein bester Freund entschieden besetzt hatte. Aber dem muss ich erst einmal alle Charaktere und Zusammenhänge erklären. Freund hätte sie gewusst und mit mir Zivas Ableben und Tonys Kündigung bedauert.

Heaven is a flat in California

Die Vorstellung des einzigen Gottes im Christentum ist für mich abstrakt, undifferenziert und fern menschlicher Bedürfnisse. Er/sie/es ist irgendwo und irgendwie, genauso wie die Belohnungen, die winken, wenn man sich richtig verhält oder zufällig zu den Auserwählten gehört. Pragmatische Menschen wollen da mehr, wollen etwas konkreteres oder einfach den Tod bis zur Klärung der Frage weiter heraus schieben.

Entsprechend erfolgreich ist der Islam, in dessen Paradies Wasser, Milch, Honig und Bommerlunder fliessen, und entsprechend erfolgreich ist Santa Muerte, von der ihre Gläubigen schon auf dieser Seite des Todes Belohnungen erhoffen. Ihre Anhänger sind denn gerade unter den Marginalisierten der amerikanischen Gesellschaft zu finden, den Illegalen, Drogenhändlern und Habenichtsen.

Denen ist die Erlösung eben manchmal ferner als die nächste Mahlzeit, und die fragen vielleicht auch mal, was es denn mit dieser ominösen Erlösung auf sich hat. Der Mujaheddin mit dem Bombengürtel, der Dutzende Frauen und Kinder auf einem Markt tötet, der betende Drogenhändler, die beiden passen auch nicht gerade in unser Bild von Gut und Böse.

Meine eigene Vorstellung von der Ewigkeit ist eine Art perfekter Tag, den ich in einer Abstraktion von Kalifornien verbringe. Kein Regen, kein Schnee, kein Kalt, keine Paula, nur ich und Freund der Kater, die Zeit im Bett verbringen. Nachmittags fahre ich dann mal auf einer Vespa Sprint in den Supermarkt. Danach ziehen die Katze und ich auf die Couch um. Mehr habe ich nie gewollt. Warum sollte ich es nicht wenigstens nach meinem Tod bekommen?

Ich habe das verdient, nicht, weil ich Gutes getan hätte oder irgendein Gott mich in besonderer Weise liebt, sondern einfach, weil ich in dieser Welt und an dieser Welt gelitten habe. Wir alle haben das aus genau diesem Grund verdient. Und ob ich das von Mitra bekomme, Enki, Zeus, Aplu, Jahwe, Pallas Athene, Innana oder Epona, ist mir gerade relativ egal.

Als Jugendlicher fand ich einmal ein Poster zum Film „Heaven can wait“ mit Warren Beatty im Briefkasten. Wie ich dazu kam, wusste ich nicht. Nachdem ich den Film Jahre später gesehen habe, ist es mir noch unverständlicher. Denn auf der langen Liste von Dingen, die ich nicht will, steht eine Reinkarnation ziemlich weit oben, noch vor Sex mit Angela Merkel und Jeremy Clarkson. Von diesem Leben ist eines schon mehr als genug.

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New Evidence Reveals Violent Final Days at Arizona’s Montezuma Castle

http://westerndigs.org/new-evidence-reveals-violent-final-days-at-arizonas-montezuma-castle/

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New evidence suggests that the site — now part of Montezuma Castle National Monument — was not simply evacuated by its inhabitants, as archaeologists have believed for more than 80 years.

Instead, recent research shows that its final days were likely fraught with violent conflict and death — an account corroborated by Native American oral histories of the site’s collapse some 600 years ago.

“It changed the conventional thinking [about the site],” said Matt Guebard, archaeologist with the U.S. National Park Service, about his research into the cliff dwellings’ fate.

And, he added, this was corroborated by accounts given by several members of Native American clans, whose oral histories describe an attack on Castle A by rival bands that sought to drive the Sinagua out.

“Years before starting the project, I had heard from tribal members that there were stories about violence at the site,” Guebard said.

“So as I started to realize that the archaeological evidence was supporting violence at Castle A, I felt it would be helpful to get their unique perspectives on the project and on my interpretation of the data.”

A member of the Bearstrap Clan of the Hopi, for example, which traces its history back to the construction of the cliff dwellings, recounted tales of Sinagua villagers fleeing into Montezuma Castle and pulling up the ladders, isolating themselves inside while invaders set it on fire.

Meanwhile, modern members of the Dil zhe’e, or Tonto Apache, gave accounts of Apachean ancestors striking up an allegiance with the neighboring Yavapai, who together evicted the Sinagua from the cliff dwellings by “burning them out.”

“What was interesting is how close the oral histories match up with the archaeological evidence,” Guebard observed, “but also how each story provided a unique and different perspective of the event represented by the archaeological evidence.

 

Wohin Touristen selten kommen

Ich nähere mich den Problemen meines Lebens mit ungewohnter Apathie. Sei es Paulas Wut, die Forderung des Steuerberaters (ich bin schuld), der Tod der Peugeot Flash (ich bin schuld), die Kosten eines Rechtsstreites, den Paula verloren hat (ich bin schuld) oder die Schwellung in einer touristisch wenig erschlossenen Gegend meines Körpers, ich bleibe… höflich gesagt… gelassen.

Nun, auf die Schwellung reagierte ich schon mal mit einem weiteren Ausbruch meiner Depression. Dass ich parallel dazu Kevin Rhodes‘ „Apocalypse – Life on the other side of over“ las, war nicht hilfreich.

Ein kurzer Krankenschein bedeutet bei mir, dass mein Zusatz-Verdienst ausfällt, und ein langer Krankenschein, dass ich insolvent bin. Und dass ich mit mir selbst ins Reine kommen muss, ob ich Paula die Insolvenz gönne oder wieder einmal Verantwortung für sie übernehmen will. Oh, und wie mein Leben weitergehen soll, wenn es denn weitergehen sollte.

kraloo

http://books.noisetrade.com/kevinrhodes/apocalypse-life-on-the-other-side