Vom Untergang des Abendlandes bei gratis Kakao und Keksen (und wlan)

Der Zustand unserer Gesellschaft ist ein beklagenswerter. Da gelten die Aphorismen der Stefanie Sargnagel als Literatur und die netteste Person, die mir in den letzten Wochen begegnete, war ein Anwalt. Dabei wären die Angehörigen dieses Berufsstandes doch in einer robusteren und weniger dekadenten Gesellschaft nichts anderes als Söldner und Gelegenheitsganoven. Ich hatte ihn besucht, um mich zum Rechtsstreit beraten zu lassen, den ich (also Paula) mit dem Zahnlückigen anfangen will.

Als eingetragenes Mitglied des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs habe ich auch die Verkehrsrechtschutzversicherung, die dieser Verein vertreibt, und kann mir so ein solches Unterfangen leisten. Muss er nun Geld heraus rücken, kommt der Zahnlückige gut weg; die Alternative wäre der Besuch zweier junger und physisch kapabler Pizzafahrer gewesen, die seinem Gesicht meine Meinung sagten.

Ich lernte dabei einiges über das Gewährleistungsrecht, das ich längst hätte wissen müssen, und en passant auch über meine Chancen, den Steuerberater nicht zu bezahlen, und die Berechtigung, mit der die Spar- und Raiffeisenkasse eine Kredit-Abschlussgebühr von mir zu verlangt.

Nicht alles davon gefiel mir, aber alles war nützlich. Genauso war es mir morgens schon beim Arzt ergangen. Wo ich Hodenkrebs befürchtet hatte, fand er nur eine Entzündung eines Nebenhodens, die er nicht einmal eines Antibiotikums würdig fand. Dafür gefiel ihm die Form einer meiner Nieren nicht. Die sei nicht nierenförmig genug, ja, da sei sogar eine Verdickung, die computertomographiert werden solle, vorzüglich in jenem Krankenhaus, wo er Belegarzt ist. Ich entschied mich für ein anderes mit kürzerer Wartezeit.

Die Zeit zwischen meinen Terminen verbrachte ich im nächstgelegenen skandinavischen Möbelhaus, wo Heizung, Kakao, Kekse und wlan gratis waren. Ich las, beobachtete der Menschen viele, begutachtete Geschirrtücher als zu dünn und whatsappte mit dem Poliziotto, Ambros und dem Kleinen Bruder. Irgendwann machte ich sogar im Wartebereich ein Nickerchen. Es war ein früher Probelauf für ein Leben als Rentner.

Man muss sich ja mal ganz langsam an diesen biografischen Abschnitt heran denken, so man so lange noch lebt. Und ohne Hodenkrebs ist das ja gar nicht mal ausgeschlossen.

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