Bilderselbstversorger

„Ich habe kein Burn-Out, ich habe Fuck-Off.“

Thilo Reffert, Hundert vom Hundert

http://www.thilo-reffert.de/hoerspiel/radio-tatort/hundert-von-hundert

Niemals sähe ich mir im Fernsehen einen Tatort an. Es käme mir tatsächlich gar nicht in den Sinn, an einem Sonntagabend um 20:15 die ARD einzuschalten, um einen Kriminalfilm aus dieser Serie zu schauen. Sie läuft jetzt schon seit gut einem Dutzend Jahren, ohne dass ich ihr zuschaue. Bei meiner letzten Begegnung wäre ich versehentlich fast eine Szene gelaufen, während sie gefilmt wurde. Es wäre mir nicht recht gewesen.

Im Ergebnis sind mir die Namen der Kommissare unbekannt, unsicher bin ich der Drehorte. Ermittelt Lena Odenthal noch, von Leiche zu Leiche sich der Frühpensionierung nähernd? Das Internet wüsste es jetzt, ich nicht. Ich bin zu träge, um Google zu befragen, das globale Orakel des frühen 21sten Jahrhunderts.

Zwei andere Ermittler hat mir inzwischen die Toyota-Werbung näher gebracht, die Stadt, in der sie Morde aufklären, verschiedene Messereisen. Es ist übrigens eine ganz reizende Stadt, in der jedes Strassencafé von einem unaufhörlichen Strom junger Studentinnen auf Fahrrädern umspült wird, Heimat grosser internationaler Marken wie Armacell, Sparkasse Münsterland und Seppo.

Dafür kenne ich aber die Namen von Kriminalhauptkomissar a. D. Fischer, seiner Assistentin/Nachfolgerin Annika de Beer und Hauptkommissar Paquet und weiss, was einem blüht, der zur Task Force Hamm versetzt wird. Ich bin also mit dem Radio-Tatort in seinem verschiedenen Varianten vertraut. Er folgt im Wesentlichen dem seit 1970 bewährten Konzept der Fernsehreihe, passiert aber da, wo ich es will und vielleicht sogar brauche. Das ist halt nicht Sonntags um 20:15 Uhr im Wohnzimmer, sondern an einem beliebigen Wochentag zu einer gewählten Zeit in einem Pizza-Auto oder dem Keller der entsprechenden Pizzeria und zwischen „Hello from the Magic Tavern“ und „Tanis“.

Empfinde ich die Bilder, die mir das Fernsehen präsentiert, denn wirklich immer mehr als Eingriff in meine eigene Welt? Ich produziere mir meine eigenen Bilder, bin Bilderselbstversorger, auf Selbstversorgung umgestiegen, weil ich an allen Bildern, die von aussen kommen, etwas auszusetzen habe. Da ist mir der eine zu alt, die andere zu fortpflanzungswillig, der dritte aber ganz abscheulich. Das macht das Leben denn auch nicht einfacher.

 

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