Märchenhafter Mord, Raub und Kannibalismus

Einer der grausigsten Texte der deutschen Literatur ist das Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm in seiner ursprünglichen Form aus dem Jahr 1812. Es stellt eine erbarmungslose Welt voller völlig verrohter Menschen dar, eine Welt des Hungers und der Gewalt, in der jeder auf sich gestellt ist.

Die Eltern haben gerade noch genug Anstand, um ihre Kinder nicht im Schlaf zu ersticken oder im Brunnen zu ersäufen. Statt dessen versuchen sie sich ihrer zu entledigen, indem sie sie im Wald aussetzen. Die „Hexe“ löst das Problem mit dem Nahrungsmangel auf ähnliche, wenngleich noch radikalere Weise. Sie lauert auf Reisende, um sie hinterrücks zu ermorden und sich von ihrem Fleisch zu ernähren, und macht Gretel zu ihrer Sklavin, die ihr bei ihren Verbrechen helfen soll.

War die Mutter wirklich gestorben, während die beiden „im Wald“ waren? Wie starb sie? Ist sie verhungert, an einer Krankheit gestorben, müssen wir den Vater verdächtigen? Oder starb sie erst als bzw. nachdem die Kinder zurück gekehrt waren?

Recht zimperlich hatten sich die beiden ja dort auch schon nicht gezeigt. Schliesslich haben sie zwar die „Hexe“ in Notwehr getötet, sich dann aber nicht gross damit aufgehalten, nach der Polizei zu rufen, sondern sich gegriffen, was sie von den Reisenden an Geld und Juwelen erbeutet hatte, um sie für sich zu verbrauchen.

Das „Knusperhäuschen“ im Wald, von dem sie gegessen hatten, war gewiss nicht von Lebkuchen-Weiss in Neu-Ulm geliefert, sondern eher ein normales Wohnhaus jener Zeit in Randlage, an dem vielleicht Schinken und Würste zum Trocknen hingen, von denen sie assen, sicher auch, nachdem sie von ihrem Ursprung wussten.

„Die Autoren“ stellen im Hörspiel „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ einen Bezug zum 30jährigen Krieg her. Das ist nicht von der Hand zu weisen und nicht zu beweisen. Immerhin gibt es da in Chroniken aus jener Zeit Beschreibungen wie diese:

„Hans Philipp Goßmann von Spachbrücken zu Tod geschlagen. Hans Gerhards schwangeren Frauen die Rippen entzweigeschlagen, dass sie bald gestorben. Jakob Hans Frau zu Tod geschändet. Hans Simon mit dem Gemächt ufgehängt und vollends erschlagen … Summa: 18 Personen“ (Rheinheim, Mai 1635)
http://www.welt.de/geschichte/article113508510/Der-Kopf-war-zerschmettert-das-Gehirn-zerspritzt.html

und diese:

„In einer Schupfe in der unteren Vorstadt fand man einen Kohlenbrenner aus einem benachbarten Walde mit Weib und 7 Kindern verhungert.“
G. Lammert: Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegsnoth zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges 1625 – 1635  –  http://www.milger.de/pest.htm

die ins Bild passen, das dieses Märchen zeichnet. Nach der erstem Auflage von 1812 wird diese Grausamkeit dann ein wenig abgeschwächt, indem aus der Mutter eine Stiefmutter wird, der man weniger Fürsorge unterstellen kann. Zugleich und mit dem gleichen Zweck wird die Handlung mit phantastischen Elementen angereichert.

Eine zu vermittelnde Moral ist in diesem Märchen für mich nicht zu erkennen.


http://www.wer-zu-wem.de/fabrikverkauf/lambertz-junkersstrasse.html

Advertisements

3 Kommentare zu „Märchenhafter Mord, Raub und Kannibalismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s