Digital Refugees

http://www.zeit.de/2015/40/smartphone-fluechtling-whats-app-kommunikation?ref=yfp

Neustadt bei Coburg in Oberfranken – während die acht jungen Syrer im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses darauf warten, dass auf dem Herd das Hähnchen fertig wird, liegen auf ihrem Abendbrottisch die wichtigsten Utensilien bereit: Besteck, Teller und acht Smartphones. Ständig klingelt, vibriert und pfeift es. In knappen Textnachrichten beschreiben die in Syrien gebliebenen Eltern, wie es heute in Damaskus steht. Im Chat erzählt ein Freund von seiner Unterkunft in Aachen, in der er gelandet ist. Zwischendurch schicken Onlinebekanntschaften Einladungen zum Internetspiel Candy Crush. Alle paar Minuten nimmt einer der Männer sein Handy in die Hand, entsperrt den Touchscreen, aktualisiert seinen Facebook-Stream, antwortet auf eine Nachricht, legt es zur Seite und greift bald wieder danach. Dies ist die Alltagschoreografie des 21. Jahrhunderts – und das Telefon ist das wichtigste Medium der Geflüchteten.

Bei Facebook gibt es Gruppen, in denen sich Flüchtende austauschen. Jeder, der Arabisch spricht, kann sich darin über Routen, Schlepper und Absteigen informieren. So wird das Smartphone zum Fluchthelfer. Aber das ist nur einer der Gründe, warum dieses Gerät für Menschen wie Rasoul al-Hamade so unentbehrlich ist. Mindestens ebenso wichtig ist es als Nabelschnur in die alte Heimat und als zentraler Integrationshelfer ins neue Leben. Wenn der Arabische Frühling von 2011 die erste Facebook-Rebellion war, dann kann man die große Flucht des Jahres 2015 die erste digital gesteuerte Völkerwanderung nennen. Und all die digital refugees, die sich unterwegs mit ihren Ladegeräten um die Steckdosen scharen und die, einmal angekommen, ständig zu ihren Telefonen greifen, sie führen uns zugleich den Stand der Vernetzung unseres Planeten vor Augen.

Das Smartphone ist das globalste aller Digitalgeräte – und damit vielleicht auch das demokratischste. Erst vor acht Jahren kam es in Gestalt eines Luxusaccessoires auf den Markt, des ersten iPhones. Aber fast von Anfang an spielte die Geschichte des Smartphones auch in der Dritten Welt. Dort sind Handys in vielen Staaten längst stärker verbreitet als Festnetztelefone. „Die Entwicklungsländer sind ein einziger großer Secondhandmarkt“, sagt Vassilis Tsianos

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