Blauer Dunst und Schwarzes Pulver

“Er stürmte voran und wir folgten. Wer seine Waffe abgeschossen hatte, nahm aus dem geborgenen Vorrathe eine oder mehrere frisch geladene auf. Ein schmaler Pfad war von Außen um den Saum der Lichtung ausgehauen. Seine Mündung wurde am Bache durch einige Büsche verdeckt. Wir drangen hindurch, stiegen in das Wasser und standen einige Augenblicke später an dem unbewachten Eingange zum storm-gap.”

Es ist eine Eigenheit von Karl Mays Wildem Westen, dass ausser dem Helden quasi niemand einen Hinterlader führt. Denn sonst würden die weissen Jäger, die zur Gesellschaft der “Both Shatters” gehören, nicht nach einer frisch geladenen Waffe greifen, sondern ihre Sharps-Büchse, ihre 50er Springfield oder ein importiertes Snider-Enfield-, Dreyse- oder Chassepot-Gewehr einfach mit einer Papier- oder Metallpatrone nachladen, um ihren roten Mitmenschen, die hier “Kupfermänner” heissen, das Lebenslicht auszublasen.

Überhaupt ist ihm auch die Massenfertigung von Mordwerkzeugen sonderbar unbekannt. Er erwirbt das für das Reisen und Morden in den “Dark and Bloody Grounds” notwendige Werkzeug beim namhaften Büchsenmacher Jake Hawkins in St. Louis, der ihm ausser seinem Karabiner auch gleich zwei Revolver gebaut hat, mit denen er aber nichts anzufangen weiss. Im Nahkampf wären sie ihm sonst nützlicher als eine Streitaxt indianischer Machart.

»Jetzt, Sir, die Büchse auf. Ihr nehmt den Ersten dort, ich den Zweiten und Sam Thin den Dritten, dann das Beil heraus und drauf! Ihr habt doch einen Tomahawk da unter dem Rocke?« »Habe einen und zwei Schüsse in der Büchse; ich nehme also den Ersten und Vierten!«

In diesem Frühwerk Mays sind Armierung und Umgang mit dem Nächsten anderer Farbe noch so, wie er es aus Gabriel Ferrys Roman “Le Coureur de Bois” gelernt hatte: “Scha-tunga hat mir den Bruder lebendig am Pfahl gebraten, mein Weib und zwei Kinder geraubt, skalpirt und den Coyoten vorgeworfen, mich selbst gehetzt und verfolgt…,” eben so rau und brutal, wie wir es sonst nur aus der Pulp-Literatur des 20. Jahrhunderts kennen… und aus Berichten von Kriegen auf dem Balkan oder in Afrikan.

Und da wird Mays Wilder Westen dann unangenehm realistisch.

http://www.zeno.org/Literatur/M/May,+Karl/Einzelne+Erz%C3%A4hlungen/Die+Both+Shatters

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