Freibeuter-Gedanken

Ich könnte nicht sagen, wieviele Flüchtlinge aus welchen Ländern in diesem Jahr oder im letzten angekommen sind, wieviele auf der Strecke geblieben sind und wieviel Geld ihre Unterbringung kosten wird. Dafür habe ich an Supermarkt-Kassen, Fussgänger-Überwegen, Bahnhöfen und in einer Pizzeria Einwanderern aller Couleur zugeschaut und mit ihnen gesprochen.

Zusammenfassend fasse ich zusammen, dass der Begriff „Flüchtling“ oder „Einwanderer“ eine ungemein heterogene Gruppe beschreibt, denen nichts gemein ist, als dass sie eben in den letzten Jahren in Deutschland oder einem anderen Land der EU angekommen sind.

Es sind Männer und Frauen, Kinder und Alte, die ihre Heimat aus den verschiedensten Gründen verlassen haben. Den einen hat man hier Arbeit und Geld versprochen, den anderen in ihrer Heimat den Tod. Die meisten sind wohl rechtschaffene Menschen, andere auch Schurken, denn wer vertrieben wurde, wurde es nicht wegen seiner moralischen Qualitäten, sondern seiner Religion, seiner ethnischen Zugehörigkeit oder seiner Hautfarbe wegen.

Einige sind gewiss hier gelandet, weil in ihrer Heimat die Straftatbestände anders heissen mögen, aber trotzdem verfolgt werden, und andere, weil sie nach einer kriminellen Karriere einen beruflichen Neu-Anfang wagen wollten.

Gerade diese Heterogenität macht es schwierig, eine Meinung zu ihnen als Gruppe zu haben. An dieser Stelle und aus diesem Grund haben dann sowohl die Gegner der Einwanderung en masse als auch die Befürworter unrecht. Das oft angeführte Argument für die Einwanderung, die Migranten schlössen die Lücken an qualifizierten Mitarbeitern, die der europäische Mangel an Fortpflanzungswillen geschlagen hätte, gilt frühestens für die Generation ihrer Kinder.

Denn die Qualifikationen der Eltern entsprechen entweder nicht den Bedürfnissen der heimischen Wirtschaft oder sie werden nicht anerkannt, um das Lohnniveau zu drücken. Auf der anderen Seite scheint es eine „Einwanderung in die Sozialsysteme“ nicht wirklich zu geben. Denn die meisten von ihnen erwarten aus ihrer Sozialisierung heraus keine lebenslängliche Vollversorgung durch den Staat. Sie kommen aus Ländern, in denen wer nicht arbeitet auch nicht isst.

Wie heterogen die Einwanderer/Flüchtlinge/Migranten sind, wie kompliziert die Themen sind, die mit ihnen verbunden sind, zeigt die „Islamisierung Europas“, die als Angst bei manchen Menschen verbreitet ist. Unter den Menschen, die ich sah und mit denen ich sprach, waren Christen, Sikhs und Jesiden, aber auch vor allem Muslime, denen ihre Religion so egal war wie den meisten Christen die ihre.

Auf der anderen Seite stellen nicht heimatvertriebene Syrer, Libyer, Iraker und Palästinenser in Frankreich und Grossbritannien die Mehrheit der Muslime, sondern Bürger aus den ehemaligen Kolonien, aus Algerien, Tunesien, Marokko, Pakistan, Nigeria und Bangladesh, denen man als dringend benötigten Arbeitskräften die Türe aufhielt.

Verbindet sie gar nichts? Doch – die Behandlung, die ihnen widerfährt, das Spannungsverhältnis zwischen alter und neuer Heimat, der Wunsch, irgendwohin zu gehören, und die Unmöglichkeit, diesen Wunsch umzusetzen. Als Laie kann ich nur die eine oder andere Neurose vermuten, wo der Fachmann sie diagnostizierte, läge denn jemandem daran, das er es tut.

Ob man nun als Einheimischer aus eigener Überlegung oder Familientradition dafür oder dagegen argumentiert, hat vermutlich den gleichen Einfluss auf diese Völkerwanderung, die keine ist, wie auf das Wetter oder die Dummheit von Politikern. Sie wird einfach passieren und dabei Europa ebenso verändern wie die Länder, aus denen diese Menschen kommen. Damit ist die Frage wieder einmal, wie wir als Staaten, als Gesellschaften, als Menschen reagieren.

Ich habe da auch keine Patentantwort, ich bin nur jemand, der auf eigene Rechnung darüber nachdenkt, sozusagen als gedanklicher Freibeuter. Die Laissez-Faire-Gesellschaft jedenfalls kann das Problem nicht lösen, aber Flüchtlingsboote zu bombardieren wie es eine italienische Politikerin forderte oder eine Zwangs-Europäisierung wird das Problem ebenfalls nicht lösen.

Mir fällt gerade auf, wie ich Flüchtlinge und Einwanderer gleichsetze. Die Situation eines Einwanderers aus einem EU-Land ist sicher eine andere, kann er doch jederzeit per Ryan Air zum Heimat-Urlaub oder dauerhaft zurückkehren.

Er hat wahrscheinlich auch Qualifikationen, die EU-weit anerkannt werden, er steht bei Unterbringung und Eingliederung auf eigenen Füssen, wird trotzdem ihn Schulabschluss, Berufsausbildung und Studium zu einer Existenz als nützliches Mitglied der Gesellschaft prädestinieren in der öffentlichen Diskussion ignoriert und folgerichtig auch nicht gefördert.

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