Dr. Schatte

„Doktor“, schrie ich. „Ich sterbe.“
„Er stirbt,“ wiederholte Freund Hahn. Endlich erbarmte er sich meiner. Hahn und ich wiederholten im Dengeltakt: Ich sterbe. Er stirbt. Das machte Dr. Schatte stutzig. Es schien wenigstens so. Zu meinem Freund gewendet (es war direkt peinlich, er mußte sich mitten in einer Anekdote unterbrechen) sprach er also: „Wahrscheinlich. Er hat Bauchtyphus. Dazu noch dieses ungewohnte Klima. Sehr wahrscheinlich. Aber ich bin ein alter Mann, meine Herren, ich kenne das Leben. Sie verlieren nichts. Sie gewinnen! Koheleth sagt: ‚Besser wäre ihm, daß er nie geboren wäre.‘ So oder so: Der Fall ist klar. Hier bleibt nichts zu tun. Sehen Sie lieber dies an! Es ist ein Band portugiesischer Novellen. Der Verfasser ist der gegenwärtige Minister für Kulturs und Unterricht. Sie kennen die ‚Contes drolastiques‘. Balzac ist harmlos gegen unseren Minister.“
„Balzac“, rief Freund Hahn, „da kenne ich eine Anekdote…“

Aus: Hermann Kesten, Dr. Schatte, zu finden im Erzählband „Mit Geduld läßt sich sogar das Leben aushalten“, 1957

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s