Böses Blut

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Ihre Fratze wieder. Zum Reinschlagen. Jedes Jahr zum Weihnachtsfest die gleiche Folter.

Mit der Selbstgefälligkeit der Karrierefrau erzählt sie von dem letzten Filmprojekt an dem sie gearbeitet hat.

„Südafrika ist wirklich erstaunlich!“, schwadroniert sie. „Wo man auch hingeht, trifft man lauter kreative Köpfe.”

Wie ihm diese Geschichten zu den Ohren heraus hängen. Wenn sie nicht seine Schwester wäre, würde er sie glatt totschlagen. Eine Leiche zu Weihnachten. Das wäre doch mal was. Viel blutiger als der halbgare Braten kann es eh nicht mehr werden.

Bratensoße tropft von dem Stück Fleisch auf ihrer Gabel. Es klatscht zurück in ein Schlachtfeld aus Erbsen, Möhren und Kartoffelpürree und katapuliert ein paar Spritzer Brei auf ihre Bluse.

Mutter und Vater sitzen da und lauschend gebahnt. Nur Frau Mama wirft hin und wieder ein wenig reflektiertes „Aber hast du keine Angst vor den Negern?“ ein.

„Die Schwarzen“, betont seine Schwester mit gerümpfter Nase, „sind sehr gut, in dem, was sie tun.“

Er schiebt die Erbsen auf seinem Teller umher. Am liebsten würde er ins Essen brechen, aber das wäre unhöflich. Immerhin hat seine Mutter trotz Arthrose und Rheuma den ganzen Tag in der Küche gestanden.

Seine Gedanken wenden sich schöneren Dingen zu. Dem Ficus, den er seit einigen Wochen erfolgreich auf seiner Fensterbank groß züchtet. Dem Rest des Tiramsus vom Vortag, der im Kühlschrank auf ihn wartet. Das unvollendete Manuskript seines neuen Krimis, an dem heute Abend bei einer Tasse Tee weiterarbeiten würde.

„Und wie läuft es mit deinem Roman?“, fragt sie ganz beiläufig, nachdem sie mit ihrer Geschichte geendet hatte. Alle Blicke am Tisch wenden sich ihm zu.

Hatte sie etwa seine Gedanke gelesen?

Er stoßt seine Gabel in den Salat wie ein Spartaner seinen Speer in einen Feind.

„Bestens“, presst er zwischen den Zähnen hervor.

„Ist bestimmt nicht leicht mit zwei kleinen Kindern im Haus.“

„Die sind dieses Jahr bei Sandra.“

Betretenes Schweigen.

„Oh.“

Mehr hat Schwesterherz nicht dazu zu sagen.

„Aber an Silvester sind sie bestimmt bei dir, Manfred, oder?“, versucht Mutter die Situation zu retten.

„Nein, da fahren sie mit Sandra und Markus nach Amrum.“

Jedes Jahr die gleichen Gespräche. Manchmal fragt er sich, ob ihm in dieser Familie überhaupt jemand zuhört. Dabei hat er gehofft, dass diese dummen Fragen spätestens mit seinem dreißigsten Geburtstag aufhören würden. Wie es aussieht, hat er sich geirrt.

Im November ist er 41 geworden.

Mutter ringt sich ein „Das ist aber schade“ ab und beginnt vor lauter Verlegenheit, die halbleeren Teller einzusammeln.

„Soll ich dir noch was für morgen einpacken?“, fragt sie ihren Sohn und deutet auf den Braten.

„Nein, verdammt!“, poltert es aus ihm heraus. Er hält die Gabel so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortreten. „Ich will überhaupt nichts von euch! Also spart euch euren scheiß Braten, eure scheiß Erbsen und erst Recht euer scheiß Mitleid.“

Kaum zu glauben, es wird noch ein bisschen ruhiger im Zimmer. Selbst das Radio, aus dem seit Stunden die gleichen vier Weihnachtslieder dudeln, scheint eine andächtige Sendepause einzulegen.

Seine Schwester tupft sich den Mundwinkel ab und pfeffert die Serviette in die Essensreste auf ihrem Teller.

„Manfred“, sagt sie mit der Bestimmtheit der erfolgreichen Geschäftsfrau. „Kommst du mal kurz?“

Widerstrebend folgt er ihr durch den Flut, durchs Wohnzimmer und hinaus auf die Terrasse. Die Rhododendren sind unter einer Schicht Eis erstarrt und das Gras funkelt wie ein Diamantenmeer. Ein Frösteln überkommt ihn und er schiebt die Hände unter die Achseln, um sie warm zu halten.

„Es tut mir wirklich leid, was da zwischen dir und Sandra vorgefallen ist“, sagt seine Schwester, „aber lass’ deine Wut bitte nicht an uns aus. Wir können nichts dafür, dass …“

„Was?“, blafft er. „Dass aus mir so ein erbärmlicher Versager geworden ist?“

Sie legt den Kopf schief und kneift die Lippen zusammen. Das hat sie schon als Kind gemacht, wenn sie ihm eigentlich eine reinhauen wollte, sich dann aber aus Höflichkeit zurückgehalten hat. Ihm wäre es lieber, sie würde ihm eine langen. Das wäre wenigstens ehrlich.

„Ich bin so armselig, dass nicht mal meine eigenen Kinder bei mir sein wollen“, lamentiert er und zittert gegen die bittere Winterkälte an. „Lieber fahren sie mit diesem Lackaffen Markus weg, weil er ihnen schönes Spielzeug kauft und sie zum Urlaub auf die Kanaren einlädt.“

„Ja“, murmelt seine Schwester abwesend und lässt den Blick über den gefrorenen Garten der Eltern schweifen. „Ein beschissener Angeber.“

Er stockt.

Hat sie das gerade wirklich gesagt?

Gedankenverloren fummelt sie in der Tasche ihres Cardigans herum und zieht eine Schachtel Marlboro hervor. Sie steckt sich eine an und hält ihm dann die kleine Box hin. Dankend nimmt er an.

„Das muss ewig her sein“, meint er und beobachtet den blauen Dunst, der sich mit ihrem kondensierenden Atem vermischt, „dass wir beide zusammen eine geraucht haben.“

„Am Abend vor deiner Hochzeit“, sagte sie und macht kleine Rauchringe. „Du hast dir vor Angst fast in die Hosen gemacht.“

„Habe ich gar nicht.”

Seine Schwester schmunzelt.

„Du bist mein kleiner Bruder, Manni. Mir machst du nichts vor.”

„Tja, das ist wohl das Problem.”

„Du machst es zu deinem Problem.”

Er seufzt: „Lass gut sein, okay?”

„Wie du meinst.“

Sie rauchen schweigend. Irgendwann drückt sie den Rest ihrer Zigarette an der Hausfassade aus und steckt den Filter in die Erde einer Hyazinthe.

„Es war nicht mein Wunsch, die Dinge besser zu machen als du, kleiner Bruder“, sagt sie ganz gelassen und nestelt mit einer Hand in anderen Tasche ihres Cardigans. „Vielleicht war es sogar ganz richtig so. Jetzt kann ich tun, wozu du nicht die Kraft hast.“

Aus ihrer Tasche zieht sie Vaters alten Brieföffner hervor. Er fragt sich, wann sie das alte Messingteil vom Schreibtisch stibitzt hat. Aber ist das wirklich so wichtig?

„Tu es endlich“, sagt er.

Der Schmerz beginnt leise. Wie ein Sturm, der aus weiter Ferne angerollt kommt und plötzlich über dich hereinbricht.

Die Beine sacken unter ihm weg. Sein Körper wird schlaff. Sie streckt die Arme nach ihm aus und bettet ihn im mütterlichen Blumenbeet wie Maria das neugeborene Jesuskind in der Krippe. Flüssiges Rot breitet sich nach allen Seiten hin aus.

Die Luft strömt klar in seine Lungen. Sie schmeckt nach Metall und süßen Verheißungen. In den Armen hat er fast kein Gefühl mehr.

„Danke…“, keucht er.

Sein Atem rurgelt ein letztes Mal.

„Nicht dafür, kleiner Bruder“, sagt sie und schließt seine Augen.

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