Von Amorphen und Anderen

Vier Wochen lang fuhr ich abends durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende immer wieder ein sekundenlanges Gespräch mit einem amorphen „Kunden“ stand, in dem es eigentlich nur um den Austausch von Geld gegen Pizza ging. Meine Verbindung zu mir selbst war schwach, eine Episode von Awkward, ein Spiel „Ports of Call“, ein Kapitel Ben Chenoweth‘ „Meeting of Minds“ (TM), der Versuch, mir einige Worte aus der Sprache meiner baktrischen Kollegen anzueignen.

Das endete an einem Kreisel in einer Ecke von Hagen, die noch weniger attraktiv war als der Rest der Stadt. Ich pilotierte jenen Datsun Mi-Do, der der ganze Stolz von Frau Patel ist, und hörte mir das Weihnachtsspecial im Jazz-Kanal an. An dieser Stelle endete der Tunnel. Von jetzt an würde dieser Job nicht mehr nur eine endlose Mühsal sein, und die Kunden würden nicht mehr amorph sein, nicht alle jedenfalls. Einige von ihnen sind mir amorph durchaus lieber.

Dazu gehörte, ginge es nach mir, jener Brigadier des Luftsturm-Regimentes, der mir den Kugelschreiber mopste. Das war ein herber Verlust, hatte ich den doch erst eine Woche vorher Herrn Patel geschickt entwendet. Er hakte jeden Artikel auf einer sehr, sehr langen Quittung einzeln ab, ein Vorgang, der den ganzen Brigadier erforderte, und forderte noch das Signalement und den Wikipedia-Eintrag zur Pizza Sofia Loren an. Mir schien, dass sie ihm auch Pizza Micaela Schäfer hätte heissen können, und die Pointe wäre ihm trotzdem entgangen.

Ein Trinkgeld entfiel aus dem einen oder anderen Grund. Das hob meine Laune dann auch nicht weiter. Als er auf Anlieferung der bestellwert-gemässen kostenlosen Flasche koffeinhaltiger Brause bestand, versprach ich sie sofort, jedoch nicht, sie sofort zu liefern. Und das tat ich dann auch zwei Stunden später.

Weitaus mehr Format hatte da eine junge Frau, Teil einer Gruppe, die eine Sammelbestellung aufgegeben hatte. Sie hatte tatsächlich reichlich Format, schwellendes, üppiges Format. Und dazu Piercings in der Oberlippe, in der Nasenscheidewand und wahrscheinlich noch an Stellen, die ich nie sehen würde. Dafür habe ich ihre Ohren gesehen, die so ausdauernd und grosszügig getunnelt waren, dass jedes davon ihrem Smartphone Platz geboten hätte. Und auch das hatte wahrscheinlich mehr Format als mein Nokia.

Weniger Format und definitiv weniger Stil hatte eine andere Kundin, die zwar jung, blond und schlank dem Klischee entsprach, das uns in dieser Gesellschaft hübsch heisst, dazu aber pinke Hausschuhe trug, die Cat Valentine peinlich gewesen wären. Nachdem meine armen Augen sich erholte hatten, setzte ich Kurs auf eine Wohnung in Hagen, wo mich drei junge Männer begrüssten, denen allen hübsch kein Mädchen hiess.

Cats pinkes Fahrrad

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