Mann, Frau, Mord

Unterscheidet sich der Amoklauf eines frustrierten Mitarbeiters wirklich in irgendeiner Weise vom Ein-Mann-Terrorismus eines Anders Breivik, eines Zehaf-Bibeau, eines Merah? Und was unterscheidet beide vom „Ehrenmörder?“  Ist es vielleicht allein ihre Opfer-Wahl, die sie unterscheidet? Der „Ehrenmörder“ legt seiner Tat ein bestimmtes, definiertes Vergehen einer ebenso klar definierten Person gegen einen Kanon zu Grunde, der für ihn oder einer Gruppe, der er angehört, relevant ist. Der Amokläufer vom Columbine-Typ, der Amerikaner benutzt hier gerne den Euphemismus „Going Postal“,  richtet seine Wut und seine Waffe gegen eine diffusere Gruppe von Kollegen und Vorgesetzten bzw. Mitschülern und Lehrern. Der Standalone-Terrorist greift Personen, Soldaten, Polizisten, Politiker an, die er als Symbole eines Staates oder einer Gesellschaft sieht, der er den Krieg erklärt hat… oder die sich zufällig in seiner Nähe befinden. Das können dann auch einmal Angehörige einer Kultur sein, mit der er sich auf eine mehr oder weniger abstrakte Weise identifiziert, dem Islam etwa.

Gemeinsam scheint ihnen aber allen zu sein, dass sie fast alle Männer sind und sich hermetische, kleine Geistes-Welten schaffen, in denen sie allein oder mit wenigen Gleichgesinnten existieren. Gemeinsam scheint ihnen auch die Fähigkeit zu sein, positive Erfahrungen zu verdrängen, während sie sich auf ein echtes oder angenommenes Unrecht konzentrieren und ihr Leben, ihre Gedanken, ihre Gefühle diesem Unrecht unterordnen. Das kann eine Entlassung aus einem Arbeitsverhältnis sein, eine Beförderung, bei der sie übergangen wurden, die omnipräsente Zurücksetzung, die uns die Pubertät beschert, während wir uns durch die Oberschule arbeiten, kämpfen, eine ganz spezifische Zurücksetzung, die uns während der Pubertät die Ablehnung durch eine junge Dame beschert, die Tochter, die kein Kopftuch trägt, die den falschen küsst, die falsche küsst, die Angriffe der westlichen Streitkräfte auf Partisanengruppen im Mittleren Osten, die Unterdrückung der Palästinenser durch den Staat Israel. Einige dieser Erfahrungen sind von jener sehr persönlichen Art, die man im Deutschen „Schmach“ nennt, andere sind eigentlich abstrakt und werden verinnerlicht, um offensichtlich ein bestehendes Bedürfnis zu befriedigen. In diesem Fall steht das Leid anderer Menschen dann für das eigene Leid, das nun einfacher zu rächen ist, weil man im Staat als Abstraktion nicht das Positive sehen kann/muss, das man zum Negativen etwa von der eigenen Mutter erfahren hat.

Es gibt wenig künstlerische Verarbeitung solcher Amokläufe. Eine der bekanntesten Darstellungen stammt überrraschenderweise von Joss Whedon, der uns zwei solche ineinander übergehende Vorgänge beschreibt. Beim ersten unternimmt eine Gruppe von drei recht typischen jungen Männern, die eine Reihe terroristischer Akte unternehmen,  die in einem Mordversuch und einem Totschlag gipfeln. Versäumt es Whedon für die Handlungen des „Trios“, wie sie sich selbst nennen, „überzeugende“ Gründe anzuführen, sind die für den zweiten Amoklauf klar. Hier will eine Frau den Tod ihrer Partnerin rächen, die der Anführer dieser Möchtegern-Terror-Gruppe getötet hat, und zwar erst an ihm selbst und dann an seinen Mitverschwörern, bevor sie schliesslich den Versuch unternimmt, die ganze Welt zu zerstören. Die mächtigste Hexe der westlichen Welt zu sein, entspricht in ein Bezugssystem ausserhalb des Buffyverse übertragen, etwa soviel wie der Besitz einer thermonuklearen Waffe. Am Ende kann sie nur ein Freund aufhalten, der ihr reinen Herzens begegnet und sie daran erinnert, dass er sie lieben wird, bis sie beide sterben. In der Realität muss jemand manchmal zu einer Sig.sauer greifen.

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