Die Historien des Publius Cornelius Tacitus – Der Germane als Erbfeind und Sündenbock

Die Germanen sind an allem schuld. Zumindest schiebt ihnen Tacitus die Schuld am Aufstand des Vitellius gegen Kaiser Galba im Jahr 69 zu. Die germanischen Auxilliares hätten die römischen Legionäre aufgestachelt, die nun wieder den trägen Vitellius bedrängt hätten, sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Tacitus beschreibt auch, wie Vitellius die Kleidung dieser Barbaren trägt, als er in Italien einfällt, wie er sich als Barbar aufführt, indem er bewaffnet in die Stadt reitet, ein Bruch einer Tradition, die Vitellius vielleicht nicht einmal kennt. Tacitus zeichnet auch die Wirkung, die das auf eine Bevölkerung hat, die klare (und konservative) Wertvorstellungen hat. Mit den Germanen als Sündenböcken spricht er Vitellius und vor allem seine Anhänger und deren Nachkommen von der Schuld frei, sich gegen Vespasian aufgelehnt zu haben.

Später im gleichen Jahr ist es ein römisch ausgebildeter Germane, Julius Civilis, der weite Teile Germaniens und Galliens dazu bringt, sich gegen die Herrschaft der Römer zu erheben. So schlecht sind ihre Chancen nicht, die fremden Herren los zu werden, denn für die Kämpfe in Italien, erst zwischen Kaiser Otho, der inzwischen Galba ermorden liess, und dem Aufrührer Vitellius, dann zwischen Kaiser Vitellius und dem Aufrührer Vespasian, sind die Besatzungstruppen drastisch reduziert worden. Das Rom, das Civilis als Teilnehmer an diesen Kämpfen kennen gelernt hat, ist dekadent, die Armee disziplinlos, die Generäle oft unfähig, aufgestiegen, weil ihrer Väter bedeutend waren oder sie selbst Nero nahestanden.

Tacitus liefert eine Beschreibung von Strassenkämpfen zwischen den Soldaten des Vitellius und denen Vespasians, denen die Zivilbevölkerung auf dem Weg zur Arbeit, ins Bad oder ins Bordell begeistert zuschaut, und er beschreibt die Zerstörung Cremonas in diesem Bürgerkrieg einschliesslich Plünderung, geschlechtsübergreifender Massenvergewaltigung und dem Versuch, diese Latein sprechenden Kriegsgefangenen dann als Sklaven abzusetzen.

Ein grosser Teil der Kämpfe wird dabei von den Auxillares ausgetragen, ein Begriff, der ins Deutsche oft mit Hilfstruppen übersetzt wird, aber eigentlich nur Truppenteile meint, deren Soldaten keine römischen Bürger waren und die durchaus nicht schlechter kämpften als die "richtigen" Legionäre. Aber die Provinzen jenseits der Alpen sind auch längst nicht mehr eroberte Gebiete voller primitiver Wilder mit wild wuchernder Haartracht. Dort vermischen sich Besatzer und Besetzte schon in der vierten Generation, Römer und Latiner passen sich in Kleidung und Gebahren den Einheimischen an und umgekehrt.

In den Städten an Rhein und Mosel begegneten blonde, glattrasierte Germanen in Tunika und Toga ihren schnauzbärtigen Vettern von jenseits des Flusses, die immer noch die gestreiften Hosen trugen, die uns Caesar und Goscinny von ihnen berichten, Menschen aus Gallien und aus allen Ecken des Mittelmeeres, darunter Juden, Araber und Afrikaner. Legionäre marschieren mit wollenen Hosen unter dem kurzen Lederrock und tragen in ihrer Freizeit oft die praktische, warme Tracht der Eingeborenen. Köln war also wahrscheinlich damals genauso multikulti wie heute. Als sich die Lingonen dem Aufstand anschliessen, werden sie von Julius Sabinus angeführt, Feind Roms, Urenkel des inzwischen zum Gott erklärten Gaius Julius Caesar und in dieser Familientradition selbst ernannter Kaiser des Gallischen Reiches.

Dann geschieht etwas, das für Tacitus und seine zeitgenössischen, römischen Leser wahrscheinlich perverser ist als alles, was man mit einem Mädchen, einem Zwerg und einem Esel tun kann: Römische Legionäre schwören einem fremden Staat die Treue. Er beschreibt ihre Zweifel und Gewissensbisse hinlänglich. Das Gallische Reich scheitert aber bald, mehr an den unterschiedlichen Definitionen von Freiheit der verschiedenen am Aufstand beteiligten Gruppen und dem gegenseitigen Misstrauen als an der Tüchtigkeit der römischen Generäle, die Truppen aus Italien heran führen, obwohl sich einer mit dem appetitlichen Namen Cerialis als Stratege und Politiker doch auszeichnet.

Nach einer letzten Schlacht bei Trier hält er seinen Soldaten (und den Einheimischen) eine Ansprache, die Tacitus vorgreifend klar macht, dass die Germanen an allem Schuld sind, während die zurück-desertierten Legionäre und Gallier nur Opfer des Schicksals waren. In diesem Zusammenhang sind per definitionem alle Gallier, die sich Rom und ihrem Schicksal ergeben haben. Die Germanen, das sind von nun an endgültig die anderen, die Barbaren, die jenseits der Grenze leben, die nun nicht mehr der Definition Caesars entspricht, nicht mehr am Rhein entlang verläuft, sondern überall sein kann.

Damit beginnt eine gefährliche Gleichsetzung, die selbst in unserer Zeit Konsequenzen hat. So hat in den amerikanischen Polizei-Serien des frühen 21. Jahrhunderts der Schurke oft einen deutschen Nachnamen. Das mag aber auch an einer gewissen Aversion der Filmschaffenden Hollywoods gegen Präsident George W. Bush liegen.

Ein Entwurf für eine Fernsehserie, die auf den Historien des Tacitus basiert, findet sich bei Wattpad

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