Von Kartoffelstäbchen, dem Glück und der Stadt Sion

Ich war tatsächlich in einem Wasserschloss am Rand der Stadt Sion. Mein Datsun parkte neben einem Rolls-Royce, und mangels eines Aufzuges trug ein Afrikaner in Uniform meinen Koffer in meine Mansarde. Allerdings liess das Wlan-Netz zu wünschen übrig. Vielleicht erklärt das, warum dieses Hotel soviel preiswerter war als das neben dem Bahnhof, für das sich meine Kollegen entschieden. Vielleicht war es der unverbaubare Ausblick auf den Kontakthof dort, der den Preis hochtrieb.

Von Mahlzeit zu Mahlzeit wanderte ich von einer Welt zur anderen. Das Abendessen nahm ich in einer Filiale meiner Lieblings-Schnellimbiss-Kette unter Studenten, den Lehrern, Anwälten und Wissenschaftlern von morgen, die noch nichts von der Vergänglichkeit des Augenblicks wussten, die nicht wussten, dass sie glücklich waren, dass sie sich eines Tages an diesen Augenblick, diese Menschen, diese Kartoffelstäbchen als das Glück erinnern werden.

Im Schlosskeller beim Frühstück sass ich unter Menschen, die den Eindruck, wohlhabend zu sein, so lange kultiviert hatten, bis er in ihrem Leben an die Stelle des Glücks getreten war. Sie waren mir so fremd wie die Studenten und sprachen genauso wenig mir mir. In beiden Welten war ich ein Fremder, der nur seinem eigenen Weg folgt, ein Beobachter. Zum vorzüglichen Tee gab es Orangen-Marmelade und Honig von den schlosseigenen Bienenstöcken aufs Brötchen, dazu Rührei und Würstchen.

Den Tisch beim Mittagessen teilte ich mit einer türkischen Familie aus Duisburg samt dem obligatorischen Freund der Kinder, einem 19-jährigen Burschen, der es faustdick hinter den Ohren hatte. So ermutigte er der Mädchen jüngstes, doch tüchtig zu essen, damit es so gross und stark werde comme moi. Ich zögerte nicht, ihm zuzustimmen, jedoch bekäme die Kleine nicht jenes schöne panierte Schnitzel, da es nicht helal sei. In meiner Welt ist es nun einmal de rigueur, so etwas zu wissen. Ihre Mutter allerdings beeindruckte es.

Sie erzählte mir dann einige Anekdoten, sowohl aus ihrem Leben als Muslima in Deutschland als auch aus dem Wilden Westen, der sich ganz offensichtlich von ihrem Zuhause direkt zum Llano Estacado erstreckte, bevölkert von Rumänen und Bulgaren statt von Mescaleros und Stakemen. Sie jagten denn in ihren Geschichten das Glück und die Handtaschen älterer Frauen oder beglückten Menschen en famille als Mehrgenerationen-Gunstgewerbebetrieb. Sie selbst fand ihr Glück in ihrer Arbeit und der Familie, so bescheiden, dass sie schon fast deutsch wirkte.

Was aber macht mich glücklich?

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