Wortstoff-Center

Nach zwei Wochen, die ich im Urlaub und in meiner Depression verbrachte habe, zwei Dinge, die aus unerforschlichen Gründen Hand in Hand zu gehen scheinen, bin ich quasi zum ersten Mal wieder unbeaufsichtigt online. Paula spielt an ihrem Uber-Phone, und ich breite meine Segel aus, um den elektronischen Ozean zu befahren. Detroit und eine Baumarkt-Kette haben Insolvenz angemeldet, nicht überraschend, nachdem beiden ebenso sehr Kapital fehlte wie ein Plan für eine Restrukturierung, Russland verwandelt sich immer noch in etwas, das einer Diktatur verdächtig ähnlich sieht, und unsere heldenhaften Truppen stehen in Afghanistan immer noch gegen einen ebenso schurkischen wie unerkennbaren Feind. Dass sie noch nicht gesiegt haben, liegt wahrscheinlich nur daran, dass sich die feigen Schurken auf der Gegenseite nie zur offenen Feldschlacht stellen, am besten in einem Talkessel, wo “wir” sie möglichst bequem mit schwerer Artillerie, Panzern und Gunships niedermetzeln können.

Ich habe in diesen beiden Wochen Menschenland bereist, Eure Welt, die ich so hasse. Ich habe einen Rollladenantrieb eingebaut und einige Kellerwände trocken gelegt. Ich bin einem Immobilien-Dornhai begegnet und drei Teenagern im Cosplay-Outfit an der Kasse im Mondo-Warenhaus. Ich wurde im Wertstoff-Center von einem Proleten angepöbelt, von einem Küster deklassiert, von Paula erniedrigt, die sich zur Königin von Menschenland erklärt hatte, und sah einer Frau beim Waschen ihres Golf R32 zu. Danach wusste ich, dass sie einen roten BH, Grösse 95B, und einen blauen String trug. Ich hasste es wie alles, was mit Menschenland zu tun hat.

Vielleicht kann ich beim Untergang von Praktiker ja eine drastisch reduzierte Armatur für die Küche abgreifen. Das kann aber noch dauern. Zuerst werden die verkaufsschwächsten Filialen geschlossen werden, dann wird ein Versuch zur Restrukturierung unternommen, dessen Mindest-Dauer durch den Vertrag der Manager definiert wird. Ist eine hierin angegebene und für die Auszahlung eines Bonus erforderliche Frist erfüllt, werden die Sahnestücke, profitablere Filialen, Beteiligungen, Immobilien-Gesellschaften, für einen Betrag von Mitbewerbern übernommen, dessen Mindest-Höhe einen weiteren Bonus generiert, und der Rest liquidiert. Mitarbeiter werden in diesem Prozess nur geringfügige Hemmnisse sein.

Da kann ich durchaus noch mein neues Buch zuende lesen. J. D. Davies’ Held Captain Matthew Quinton’s Fähigkeiten als Seemann sind denen eines Sir Henry Morgan ebenbürtig, es fehlen ihm jedoch seine Skrupellosigkeit und sein Hang zu starken Getränken. Statt dessen scheint ihn vor allem die Sorge um den Grafentitel umzutreiben, den er von seinem Bruder zu erben hofft und den dessen recht widernatürliche Hochzeit mit einer Frau zu gefährden scheint.

Nach buchhalterischen und baupolizeilicher Prüfung der mit dem Titel verbundenen Akzisen scheint mir jedoch allein in dieser Hochzeit Hoffnung zu liegen. Denn ausser Schulden wie sie Praktiker und Detroit angehäuft haben, besteht das Erbe vor allem aus einem Herrensitz, in dem kein standesbewusster Schäfer seine Herde überwintern würde. Immerhin hat Captain Matthew Quinto, Esq., RN, aber eine sehr lebhafte niederländische Frau und einen Falstaff-zitierenden Majordomo namens Phineas (!) Musk.

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