Camille und Artur im Land der Chtonier

“Die gesamte westliche Kultur- und Kunstgeschichte sieht Paglia im Spannungsfeld zwischen zwei Prinzipien: Auf der einen Seite die Hingabe an die rohe, faszinierende Natur des Menschen, vor allem seine sexuelle Natürlichkeit, einschließlich ihrer dunklen, gefährlichen und gewaltsamen Facetten. Dies bezeichnet sie als das chthonische, das heißt zur Erde gehörige Prinzip. Auf der anderen Seite versuche der westliche Mensch seine Integrität als Person gegenüber dem blinden Mahlen der unterirdischen Gewalten, dem endlosen, langsamen Sog, Schlamm und Morast zu behaupten: Durch Konzentration auf das Schöne, durch Ordnung, durch Vernunft und Logik, durch Vergegenständlichung. Dies bezeichnet sie als das apollinische Prinzip. Kunst, so schreibt sie, ist Form, die darum ringt, aus dem Alptraum der Natur zu erwachen.Wikipedia – Camille Paglia

Nietzsche benutzte, um den Gegensatz zur “apollinischen”, ordnenden, gestaltenden Kraft zu beschreiben, den Begriff “dioynisisch”. Darunter versteht er das Rauschhafte, das Entfesselte, das Zügellose. In diesem Sinn teilt er die Kunst auch auf, statt sie in all ihren Formen von Michelangelo bis Meyer-Landrut als Ausdruck einer gemeinsamen Kraft zu erfassen, die unser Leben bereichert. An der “Gender-Thematik” hat er aus dem einen oder anderen Grund kein Interesse.

“Obwohl Camille Paglia kämpferische Feministin in dem Sinne ist, dass sie sich für die politische, berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau einsetzt, vertritt sie die Auffassung, dass eher die Männer das apollinische Prinzip vertreten und damit diejenigen seien, die Kunst, Kultur, Wissenschaft und Zivilisation voran getrieben hätten. Sie begründet dies direkt mit der biologischen Rolle von Mann und Frau. Alle Kulturleistung sei ein Ausweichen in apollinische Transzendenz, die Männer seien anatomisch für solche Projektionen prädestiniert. Aber, so schreibt sie weiter, wie bei Ödipus zu sehen, kann Vorherbestimmung ein Fluch sein. Der Mann sei prädestiniert für die Tragödie, für das klassische Drama von Aufstieg und Sturz. Die These von der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Dwem, der dead white European men (deutsch „toter weißer europäischer Männer“), wie auch den modisch werdenden Diskurs der Politischen Korrektheit konterkarierte sie damit mehrfach.” Wikipedia – Camille Paglia

Schopenhauer sagt dazu in seinem Essay über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen:

“Mit mehr Fug, als das schöne, könnte man das weibliche Geschlecht das unästhetische nennen. Weder für Musik, noch Poesie, noch bildende Künste haben sie wirklich und wahrhaftig Sinn und Empfänglichkeit; sondern bloße Aefferei, zum Behuf ihrer Gefallsucht, ist es, wenn sie solche affektiren und vorgeben. … In unserm monogamischen Welttheile heißt heirathen seine Rechte halbiren und seine Pflichten verdoppeln. Jedoch als die Gesetze den Weibern gleiche Rechte mit den Männern einräumten, hätten sie ihnen auch eine männliche Vernunft verleihen sollen. …” Artur Schopenhauer – Ueber die Weiber.

Schopenhauer mag die Beziehungen zwischen den Geschlechtern nun etwas negativer sehen als Camille Paglia, nicht negativer jedoch als ich. Aber wie mit Joss Whedon ein Mann die feministischste aller Heldinnen entwirft, zeigt hier eine Frau mehr Verständnis für Männer als irgendein Mann, ihre Wünsche als Ausgleich jener Unfähigkeit zum Gebären interpretierend und trotzdem ihnen die Fähigkeit zum Scheitern zugestehend, ein ungewohntes Entgegenkommen. Paglias Begriff des “Chtonischen” erfasst in diesem Zusammenhang treffend die Erdverbundenheit, die Verbindung mit dem Zyklus von Werden und Vergehen, die Frauen nun einmal haben.

Oder wie Artur Schopenhauer sagt:

“Die Beschaffenheit und folglich das Wohl der Species, ist, mittelst der nächsten, von uns (den Frauen) ausgehenden Generation, in unsere Hände gelegt und unsrer Sorgfalt anvertraut: wir wollen es gewissenhaft verwalten.”Artur Schopenhauer – Ueber die Weiber.

Ich finde einige der anderen Ansichten Camille Paglias faszinierend:

“1991 bezeichnete Paglia in einer spektakulären Vorlesung am MIT die postmoderne Philosophie etwa Foucaults oder Lacans als "französischen Quatsch" (french rot), der für die Krise der amerikanischen Universitäten wie die Lebensfremdheit ihrer Absolventen verantwortlich sei.” Wikipedia – Camille Paglia

Ein gewisses Mass an Lebensfremdheit erlaube ich mir allerdings auf das der amerikanischen Kultur so substantiellen “Streben nach Glück” zurück zu führen, jene Sucht nach Glück, die die Amerikaner so anfällig für Stress und Werbung macht und all ihren Filmen ein Happy-End aufzwingt. Nach der Lektüre von Scarlett Thomas’ “The End of Mr. Y” bin ich aber durchaus dazu bereit, Derrida als einen dürren Ast der Philosophie zu sehen, auf dem nicht genug grünes Laub wächst, um eine Ziege zu nähren.

Er ist ein gutes Beispiel für die Stagnation in unserer Kultur. Der Poststrukturalismus ist einer von vielen Gründen, die Barbaren zu fürchten, die an unsere Türen zu klopfen. Die Waffen in ihren Händen sind ein anderer, ebenfalls recht überzeugender. Aber wie schon John Boardman in seinem Aufsatz über den Seehandel im hyborischen Zeitalter schreibt: “Zweifellos hätte Conan mit dem Schwert geantwortet, hätte ihm jemand klarzumachen versucht, er sei nur ein Bauer (oder bestenfalls ein Turm) in den Plänen der messantinischen Börse. Aber einer, der so gescheit gewesen wäre, das zu erkennen, hätte sich wohl auch solch eine Bemerkung in der Gegenwart des Cimmeriers verkniffen” (R. E. Howard, Conan der Pirat)

“Paglia äußerte sich skeptisch gegenüber der Theorie der menschengemachten globalen Erwärmung. Sie sei nicht wissenschaftlich stichhaltig begründet, sondern Ausdruck eines Hungers nach Gläubigkeit und Apokalypse, nachdem die gewöhnliche Kirche in eine richtungslose feel-good-Therapie verwandelt worden sei.” Wikipedia – Camille Paglia

Das macht die die Schuld des Menschen an der globalen Erwärmung auf kultureller Ebene zu einem First World Problem wie die Frage, ob man schon das neue IPhone hat. Die Menschen der Dritten Welt haben einen so grossen Reichtum an Apokalypsen, privaten wie gemeinschaftlichen, dass sie leicht auf beides verzichten können.

Der Schatten unseres Glücks ist die Angst vor der Vergeltung der Götter, der Natur, der Zu-Kurz-Gekommenen. Wenn wir keine andere Lösung für unsere Bedürfnis nach Schuld und Vergeltung finden, schneidet demnächst wahrscheinlich Angela Merkel auf einem Altar vor dem Brandenburger Tor einem notorischen Hartz-4-Empfänger das Herz heraus, damit die wieder zur Göttin erhobene Natur mit übergrosser Stopfnadel die Löcher in der Ozon-Schicht schliesst. Auf die Erläuterung dazu auf dem Wissenschaftskanal bin ich schon gespannt.

“After a lifetime of observation, I must regretfully conclude that men make everything hotter — whether in gay or straight porn.” www.salon.com

Ich bedaure, die Vorstellung nun nicht vermeiden zu können, wie sich Camille Paglia und ihre Lebenspartnerin einen frauenfreien Pornofilm ansehen. Es macht sie mir aber in keiner Weise unsympathischer.

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