Ungleiche Schwestern- weibliche Archetypen im Epos

Das Epos ist eine umfangreiche Erzählung, in der der Autor oder die Autoren gewaltigen Taten, von Schlachten und Kämpfen, vom Ringen mit dem Schicksal, von Untergang und Triumph erzählt. So ungewöhnlich wie die Elemente der Handlung sind auch die Figuren, Götter und Helden, die meist Personifizierungen von Archetypen sind, Grundmustern der Existenz, die kulturübergreifend bei allen Gruppen der Menschen auftreten. Bei den Frauen gibt es nach meiner Ansicht im Epos drei solche Grundtypen.

1. Die Mutter/Die Gute Frau

Ich stelle mir vor, wie sich Odysseus an einem sonnenhellen Frühlingstag von Penelope verabschiedet, um in den Krieg um Troja zu ziehen, sie eine Frau von mediterraner Schönheit, den kleinen Telemachos auf dem Arm, das Urbild der Frau, zu der Männer um jeden Preis zurückkehren wollen, wohin es sie immer verschlagen hat. In der Odyssee hat sie dann neben dem Helden selbst eine beherrschende Rolle.

Sie hält ihm und dem gemeinsamen Sohn die Treue, obwohl Odysseus ihr im Gespräch mit Tiresias im Totenreich das Recht einräumt, einen anderen Mann zu wählen. Tatsächlich zeigt er eine Abhängigkeit von ihr, die vielleicht über die Liebe hinaus geht, so als wäre seine Königswürde davon abhängig, dass er mit ihr verheiratet ist, er ohne sie ein Mann wie Wolfgang Petersen in seinem Film "Troja" Achilles, den Myrmidonen, darstellt, einer, dem Männer nur aus freiem Willen oder aus Verzweifelung folgen. War Laertes vielleicht ein Einwanderer, der sich als Krieger auszeichnete und dessen Sohn dann die Tochter des vorigen Königs heiratete?

Penelope ist fürsorglich, sparsam und fleissig. Sie spinnt mit ihren Mägden und ist besorgt, so viel vom Wohlstand ihrer Familie vor jenen Männern zu retten, die sich in ihrem Haus einquartiert haben und ihren Besitz aufzehren. Keiner von ihnen scheint ihr Odysseus das Wasser reichen zu können, keiner zu ihrem neuen Ehemann zu taugen.

Dass sie nicht die Stärke hat, sie fort zu schicken, Söldner zu werben oder alte Freunde ihres Mannes zur Hilfe zu rufen, um einen Angriff dann abzuwehren, ist sehr weiblich. Es passt zu den Vorkehrungen, die Odysseus vor dem Massaker an ihnen trifft, um Penelope davor zu behüten. Er schliesst sie und ihre Mägde in jenem Teil des Hauses ein, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist und gibt seiner alten Amme Anweisung auf Geräusche aus der Halle, dem Versammlungsraum des Hauses, nicht zu reagieren. So kann Penelope also auch nicht eingreifen, nicht um Gnade bitten, muss nicht die Erschlagenen in ihrem Blut sehen, die so viel Zeit in ihrem Haus verbrachten, die wenn schon nicht geliebten, so doch bekannten Gesichter verzerrt von Schmerz und Tod.

Ihr Gegenstück in der Nibelungensage ist Ute, die Mutter der drei Burgundenkönige und Kriemhilds, eine Frau, die ihr Glück in ihrer Rolle als Frau und Mutter findet und den finsteren Plänen ihres Sohnes Gunther und ihrer Tochter fern ist. Eine andere Vertreterin dieses Archetyps ist Andromache, die Frau Hektors und Mutter seiner Kinder.

Zwar war die Lügenhaftigkeit der Kreter den Griechen sprichwörtlich, aber es ist natürlich auch möglich, dass jener Odysseus nicht log, als er Penelope bei ihrer ersten Begegnung nach seiner Landung auf Ithaka gegenüber behauptete, Aithon zu sein, ein Bruder des kretischen Königs Idomeneus, der nach dem Untergang der minoischen Kultur heimatlos und arm, ausser an Geschichten, die Welt durchstreift. Das würde ihn dann zu einem Ahnen Martin Guerres und Mentor, den Lehrer des so pünktlich zum Morden erscheinenden Telemachos, zu einem Machiavellis machen.

2. Die Jägerin/die Jungfrau

Kommt von den bekanntesten modernen Epen das eine, der 'Herr der Ringe' weitgehend ohne Frauen aus, Arwen Undomiel schwach gezeichnet, Kankra wenig sympathisch, so stellt ein anderes Epos eine Frau in den Mittelpunkt, eine Jägerin, die für die Jagd auf Vampire und den Kampf gegen alle Kreaturen der Finsternis auserwählt ist.

Entsprechend geht es in 'Buffy – Im Bann der Dämonen' vor allem um das Leben der Buffy Anne Summers, ihre Kämpfe, die Beziehungen, die sie eingeht, ihre Ängste und Zweifel an ihrer Berufung, die sie dann mit einem saloppen "Okay, wir können es auf die harte Tour… äh… – nein, eigentlich bleibt nur die harte Tour übrig!" akzeptiert. Sie führt ihre Bereitschaft, sich der Herausforderung und ihrer Gegnerin zu stellen, die nichts gegen dieses Angebot einzuwenden hat, dann weiter aus: "Bist Du sicher? Geht verdammt unschön zur Sache, ich rede von Gewalt, Gossensprache, Sachen, die die sonst gerne rausschneiden," ohne nun darauf einzugehen, ob "die" auch die sind, die Kenny getötet haben.

Sie ist eine Schwester der Artemis, der griechischen Göttin der Jagd, nicht ganz so jungfräulich vielleicht wie sie, aber auch keinem Mann untertan, stark und kriegerisch wie sie, die die Etrusker Artumes nannten. Buffy ist so auch der römischen Göttin Diana und der germanischen Göttin Gefion ähnlich, Penthesileia, der Königin der Amazonen, Brunhild, bevor Gunther sie sich mit Siegfrieds Hilfe unterwarf, Hu Sanjang aus 'Die Räuber vom Liang-Schan-Moor' und Cassie Hack aus 'Hack/Slash'. Die Armee von Jägerinnen, die sie im siebten Teil des Epos rekrutiert und am Ende dieses Teils und im folgenden achten in die Schlacht führt, bildet sowohl die Schar der Jungfrauen ab, die Artemis begleiten, als auch die Armee der Amazonen, die Penthesileia in den Kampf um Troja führt wie Homer in der Illias erzählt und ist eine Armee von Walküren, die keines Odins bedarf.

Anders als Artemis zeigt sie sich den Männern aber gegenüber nicht pauschal abweisend. Allerdings lassen sich einige Dinge, die sie sagt und tut, als Andeutungen einer gewissen Bisexualität interpretieren. Speziell in der als Doppelfolge ausgestrahlten Pilot-Episode zeigt sie sich sowohl von der Virilität Angels beeindruckt wie zurückhaltend an Willow Rosenberg interessiert. Joss Whedon geht hier etwas weiter, als es die antiken Mythographen gewagt haben würden.

3. Die Rächerin/Das böse Weib

Noch mehr Furcht als die Jägerin flösst die Rächerin ein, die Medeia, die Kriemhild, die Frau, die für Gefahr, Gewalt, Zerstörung und Umsturz steht.

Sie rächen ein Unrecht, das sie selbst begangen haben, an denen, die ihnen Unrecht getan haben. Medeia hat ihre Heimat, und ihre Familie für Jason verraten, der sie für Glauke verlässt, Kriemhild Siegfrieds und Gunthers Geheimnis an Brunhild, Siegfrieds Schwäche an Hagen, der in Gunthers Auftrag nun Siegfried tötet und ihr ihr Vermögen entzieht.

Medeia ermordet Jasons neue Frau Glauke und vielleicht auch ihre eigenen Kinder, mit weiblicher Logik jedoch nicht Jason selbst, Kriemhilds Rache ist bedachter und zügelloser, gewaltiger und gewalttätiger vergilt sie doch, was sie zu einem guten Teil selbst verursacht hat, ihr Geltungsbedürfnis ebenso Auslöser einer Kette von Gewalttaten und Rechtsbrüchen wie das Verbrechen, das Gunther und Siegfried an Brunhild begehen.

Ganz anders als Penelope wirbt sie Krieger an, Dankwart und die "landlosen Knechte" in der Herberge niederzumachen, rücksichtslos gegen jene, die immer die Rechnung für die Pläne anderer zahlen müssen, rücksichtslos dann auch gegen die eigenen Familie und die Freunde, die loyal zu ihren Brüdern stehen, als sie den Saal anzünden lässt, als sie sie alle erschlagen lässt. Keine Träne für ihren toten Sohn Ortlieb, keine für die geliebten Brüder Geiselher, Gernot und Gunther.

Die Moral, die in den Kreisen der edlen Ritter gepflegt wird, die höfische Sitte, ist wenig anders als die der Verbrecher-Organisationen von Los Angeles, East St. Louis, Capetown, Palermo oder Tokyo. Nicht ein Verbrechen zu begehen schändet, nur es zu verraten, die Omerta zu brechen. Noch mehr schändet nur noch, ein anderes Mitglied der Band zu verraten. Siegfried, der Kriemhild für ihren Verrat "bläut", handelt nicht viel anders, vielleicht sogar etwas grosszügiger als irgendein Blood, Crip Mafiosi oder Yakuza.

Quellen (jene bevorzugend, die man kostenlos nutzen kann):

Homer, Illias, Projekt Gutenberg
Homer, Odyssee, Projekt Gutenberg
Joss Whedon, Buffy the Vampire Slayer, 7 Staffeln auf DVD bei Twentieth Century Fox HomeEntertainment, Seison Eight als Comic-Reihe, Black Horse-Comics
J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe, diverse Verlage
Das Nibelungenlied, Projekt Gutenberg, Übertragung von Karl Simrock, 1845
Grillparzer, Das goldene Vliess, manybooks.net

Weiterführende Texte (durchaus jene bevorzugend, die einen gewissen Unterhaltungswert haben):

Der Nibelungen-Code (enthalten in Terra X, Volume 12, Universum Film GmbH
Die Nibelungen, Pidax Film Media Ltd.
Freer/Flynt, Pyramid Scheme, ACE-books
Gerd Scherm, Die Weltenbaumler, Heyne-Verlag
Jacques Heurgon, Die Etrusker, Reclam-Verlag
Wolfgang Petersen, Troja, Warner Home Video

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s