11.81 Uhr – Die Vorhersehbarkeit der Ereignisse

Das I Ging beschreibt im Bild 52 wie jemand so lang stillhält, dass er seinen Leib nicht mehr spüren kann, dass er sich sogar von seinen Angehörigen zurückzieht. Frida Gold formuliert es etwas anders: "Wovon sollen wir träumen – so wie wir sind"[/url]. Was bleibt da noch?

Die Vorhersehbarkeit der Ereignisse beschränkt unsere Möglichkeiten. Wie Paula sich als Fachfrau inszenieren wird, wenn wir einen Gebrauchtwagen für mich kaufen, sich dabei auf ihren verkommenen Vater berufend, ist ebenso vorhersebar wie die defekten Stossdämpfer und Querlenker, die ihr Chefmechaniker Kugelbauch, ihr Äquivalent zu meinem Kalabreser, an ihm diagnostizieren wird. Er addierte freihändig die Materialpreise auf 350 Ecu und deutete erwartungsgemäss an, für seine Arbeit ebenfalls bezahlt werden zu wollen.

Viel überraschender war die Nachricht vom Ableben Osama bin Ladens denn auch nicht. Zwei Dutzend Kampfschwimmer, die völlig unauffällig in Militärhubschraubern über Abottabad knattern, jeder ausgebildet in 26 Arten lautlosen Tötens, die sich in einem pakistanischen OK-Corral eine wilde Schiesserei mit ein paar wuschelbärtigen Al Kaida-Kämpfern liefern und sich am Ende samt allen Gefangenen, erbeuteten Videos und Festplatten und einer frischen Leiche in den einen Helikopter zu quetschen, der noch flugtauglich ist.

Und das alles ganz pünktlich, bevor der CIA-Chef Leon Panetta Verteidigungsminister und Generial David Petraeus, der Oberbefehlshaber in Afghanistan, sein Nachfolger wird, vielleicht sogar noch rechtzeitig genug, um Barak Obamas politische Karriere zu retten, die sonst mit dem Wert des US-Dollars zusammen erodierte. Die pakistanische Regierung protestiert erwartungsgemäss recht höflich, so die Grundlage für die erneuerte Sicherheitspartnerschaft legend, die ihr Einfluss in Afghanistan einräumen wird.

Im Gegenzug wird sie die amerikanischen Unternehmen beschützen, die die Bodenschätze dieses Landes ausbeuten wird. Für die Afghanen werden dabei Jobs abfallen, und die Al Kaida hat den Märtyrer, den sie braucht, um ihr "Geschäft" wieder in Schwung zu bringen, das in den letzten Monaten ein wenig eingeschlafen ist. So etwas nennt man eine Win-win-Situation, bei der alle Vorteile davon haben, dass bin Laden jetzt ganz offiziell tot ist. Sogar die Rüstungsindustrie wird mit dieser Lösung zufrieden sein – ihre Manager waren eh frustriert, weil dieser Krieg belegte, dass man jemanden genauso mit einer handgemachten Lee-Enfield für 45 Dollar töten kann wie mit einer Hightech-Waffe für 3.000 Dollar.

Sehr nett war die Twitter-Meldung, in der sich ein Bürger von Abottabad über den Lärm der Hubschrauber beschwert. Das gibt der Sache etwas so realistisches. Ich hätte ja noch ein paar Matrosen der USS Carl Vinson bei Twitter, Facebook und my opera Informationen über die Seebestattung des Erzterroristen posten lassen.

Statt eines Pressesprechers des Weissen Hauses im Anzug hätte ich allerdings einen Chief Warrant Officer mit hinlänglich vertrauenswürdig zerknittertem Gesicht und Erfahrung in C-movies die eilige Beisetzung des Erzterroristen erklären lassen. Ein hinlänglich zuverlässiger Journalist hätte die Frage stellen müssen, wieso man den Leichnam nicht a la mode de Jeffrey Dahmer in die Heimat speditiert hat. CWO William Schuman hätte entrüstet angedeutet, man habe Herrn bin Laden in Notwehr getötet und nur um den Tod von Tausenden zu verhindern, und ihn selbstverständlich würdig und gemäss den Gesetzen seines Glaubens beigesetzt. Seine vorgebliche Rechtschaffenheit könnte einige Zweifel zerstreuen, die bei dieser dünnen Geschichte zwangsläufig sind. Eine Aussage einer Frau bin Laden (einer von ihnen) könnte ebenfalls nützlich sein.

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