Die Tote im Götakanal und das Mädchen mit dem Drachen-Tattoo

Am 2. Juni 1964 wurde die Leiche von Roseanna McGraw aus dem Götakanal geborgen. Sie war eine Bibliothekarin aus Lincoln, Nebraska, die ihren Urlaub in Schweden verbrachte. Da Ture Sventon wohl gerade auf seinem Teppich entflogen war, wurden die Ermittlungen dem Ersten Kriminalassistenten Martin Beck übertragen, ein wenig langweilig, ein wenig griesgrämig, gestraft mit einer trägen und unangenehmen Frau und begabt mit beachtlichen Fähigkeiten als Verhörführer. Damit begann die Erfolgsgeschichte des schwedischen Kriminalromanes.

Maj Sjöwall und Per Wahlöö entwickelten in diesem Roman und den acht Fortsetzungen jene typische Mischung aus der akribischen Beschreibung realistischer Ermittlungsarbeit, der sympathischen Zeichnung der Beteiligten und einer unaufdringlichen Gesellschaftskritik, die vielleicht für einen schwedischen Leser der 70er und 80er Jahre, vielleicht gar nicht so unaufdringlich war. Es war das goldene Zeitalter des Glaubens an das schwedische Sozialparadies, in dem für alle und alles gesorgt ist.

Diese Mischung findet sich auch in Stieg Larssons Buch "Verblendung". Da ist der Detailreichtum, der uns mit dem Wissen über die Lieblingssorte Butterbrot, den verwendeten Computer und die Frage nach gut sitzendem Latex versorgt. Aber da ist auch viel Liebe zu den Menschen, ohne den niemandem eine Figur wie Lisbeth Salander einfallen würde, die sich recht flott im Buch breit macht, eine widersprüchliche, unangenehme und zutiefst sympathische Figur.

Larsson stellt seine Figuren in Landschaften wie aus den Erzählungen von Astrid Lindgren]. Aber die Kinder von Bullerbü sind als Erwachsene Rassisten, Karlsson vom Dach ist heftig mit Alkohol abgestürzt und Michel ist nur auf Bewährung aus der Vollzugsanstalt Lönneberga. Für niemanden und nichts ist wirklich gesorgt.

Aber Kalle Blomquist ist immer noch Kalle Blomquist, eine Typ 5-Persönlichkeit, ein Beobachter und Träumer, aber mit einem beneidenswert abwechslungsreichen und problemlosen Liebesleben, auf der Jagd nach den Schurken unserer Zeit, die er heute nicht ohne eine gewisse Berechtigung in den besseren Kreisen des Kapitalismus vermutet. In die Handlung von "Verblendung" sind Hinweise auf zahlreiche schwedische Wirtschafts- und Finanz-Skandale ebenso eingeflochten wie solche auf die verschiedensten Formen sexueller Gewalt.

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