29. Kan – Das Abgründige, das Wasser

Das wiederholte Abgründige.
Wenn du wahrhaftig bist, so hast du im Herzen Gelingen,
und was du tust, hat Erfolg.

Durch die Wiederholung der Gefahr gewöhnt man sich daran. Das Wasser gibt das Beispiel für das rechte Verhalten in solchen Zuständen. Es fließt immer weiter und füllt alle Stellen, durch die es fließt, eben nur aus, es scheut vor keiner gefährlichen Stelle, vor keinem Sturz zurück und verliert durch nichts seine wesentliche eigne Art. Es bleibt sich in allen Verhältnissen selber treu. So bewirkt die Wahrhaftigkeit in schwierigen Verhältnissen, daß man innerlich im Herzen die Lage durchdringt. Und wenn man einer Situation erst innerlich Herr geworden ist, so wird es ganz von selbst gelingen, daß die äußeren Handlungen von Erfolg begleitet sind. Es handelt sich in der Gefahr um Gründlichkeit, die alles, was zu tun ist, auch wirklich erledigt, und um Vorwärtsschreiten, damit man nicht in der Gefahr verweilend darin umkommt.

Während ich mich frage, wann Paulas gross angelegte ad hoch-Renovierung unseren Kontostand endgültig versenken wird, faselt sie davon, dass meine Mutter sich im Grab umdrehen würde, könnte sie sehen, was aus meinem Vater, mir, meiner Schwester und ihrem Sohn geworden ist. Sie entwirft mit leichter Hand ein Schauerbild vom Gruyot, von Phiridia, dem Kleinen Kiffer und mir, dem ich nur mit Mühe widersprechen könnte. Höflichere Menschen haben da schon unhöflichere Dinge über uns gesagt. Aber die Vorstellung, die sie von meiner meiner Mutter hat, ist wahrscheinlich so realistisch wie die, die Karl May von den Amerindianern hatte, als er "Winnetou" schrieb. Paulas Familie hätte meine Mutter günstigenfalls als Putzfrau angestellt und dann auf sie herunter gesehen, nicht ohne einige einschlägige Phrasen über den Wert jeder Arbeit zu zitieren.

Sie beruft sich dabei hingebungsvoll auf die vom Alter getrübten Erinnerungen einer ihrer Kolleginnen, die Maman vor 30 Jahren gepflegt hat. Ganz ehrlich traue ich selbst kaum meinen Erinnerungen an die letzte Woche. In denen spielen Paula, Scheiben-Gardinen und neue Sommerreifen von Nassau-Gummidie Hauptrollen und ich die unverzichtbare des Statisten, der die Einkäufe zum Wagen bringt, ihr allgemein zur Hand gehen darf und gelegentlich angeschnauzt wird, ganz das abschreckende Beispiel des Ehemannes, das sovielen römisch-katholischen Priestern die Kraft zum Zölibat gibt. Und wie sie vertrieb ich mir derweil die Zeit mit Betrachtungen über Gott und die Welt und die Gesässbacken meiner Mitmenschen, die denn auch sich vorbeugend nicht umhin konnten, mich wissen zu lassen, dass es String-Tangas jetzt auch in Grösse 62 gibt. Ich fürchtete um mein Augenlicht, erwartete ich doch jeden Augenblick, der elastische Stoff würde reissen und mir ins Gesicht springen, verfiele ich nicht schon vorher in hysterische Blindheit.

Gerade belehrt sie mich, dass vor Umzug des Arbeitszimmers in einen anderen Raum im Haus der Bücherbestand zu dezimieren sei, kaufte ich doch zuviele Bücher und dann noch solche, die nicht dekorativ genug sind. Ich schwanke zwischen einem Widerspruch herausfordernden Widerspruch und der Hoffnung auf den Kontostand, der ihren Bemühungen wahrscheinlich sehr, sehr bald ein Ende setzen wird.

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