Tage in goldenen Rahmen, Seepferdchen in Kunstharz

"Ich hätte gerne mal ein Problem," sagte ich dem jungen Mann hinter dem Service-Counter im Ikea, "und damit das auch ordentlich klappt, habe ich mir den Schrank Oleby und den Bettrahmen Lerbäck gekauft." Er nahm es wie ein Mann und begab sich in eine ordentliche Fötus-Haltung. Sein Wimmern war vorbildlich. Es gibt eben Dinge, die Service-Mitarbeiter besser können als selbst dauer-meditierende Mönche. Ich versorgte den Zweck seiner Existenz dann mit einer langen Liste von angestossenen Ecken, verschnittenen Rückwänden, klemmenden Teilen und Umleimern, die in der Mitte einer Kante endeten, wo der Mitarbeiter in der Produktion wahrscheinlich zur Pause gegangen war. Er legte einen Vorgang an und versprach den Besuch eines Kundendienstes, vor dessen Manöverkritik ich mich jetzt zu fürchten habe, schliesslich wird alles negative, was er über meine Montage sagen wird, von Paula noch jahrelang reproduziert werden.

Ich schob diese Furcht auf meinem Terminkalender nach hinten, griff mir eine Biografie Karls des Grossen von Delpierré de Bayac aus dem Bücherregal und verzog mich ins Restaurant, wo der Kakao umsonst und alle Pflicht fern ist, um mich Betrachtungen über den grossen Kaiser der Europäer und die weibliche Anatomie zu widmen. Und einen Kaffeelöffel zu mausen, denn Paula hat die Besteckschublade vor einiger Zeit aufgeräumt, sodass mir für meinen Tee nur ein einziger, nach ihren Massstäben noch nicht allzu verfärbter Löffel geblieben ist. Sie ergab sich derweil der Vorstellung, ich sei bei der Illinois Electro Door, um dem nachzugehen, wovon sie denkt, es sei meine Arbeit. Sowohl darin als auch in meiner Tätigkeit täuschte sie sich weitgehend. Ich hatte ihr nie gesagt, was ich eigentlich dort tue, und mir den letzten Tag des Vorjahres-Urlaub am letzten nur möglichen Tag genommen, um nichts zu tun, was in irgendeiner Weise mit ihr zu tun hatte. Oder mit einem Ikea-Schlüssel und Schrauben.

Und so war ich vorher schon im Elektro-Markt des Grauens gewesen, um mir zwei Handys anzusehen, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aber nicht im Sortiment waren, im Museum unserer Kantons-Hauptstadt, das so wenig bietet, das der Eintritt, den sie nicht nehmen, gerade eben angemessen ist, und im Antiquariat, wo ich eine Buchhändlerin allein durch meine zu beaufsichtigende Anwesenheit von ihrer Arbeit abhielt. Ich schwankte dort zwischen einer Geschichte des frühen römischen Reiches und "Der Fall Daubray" von Edgar Maass, zog sogar den Kauf beider Taschenbücher in Erwägung, als mir eine sms der Packstation andeutete, ich sei nur noch das Öffnen eines Faches vom Besitz J. D. Davies' Roman "Kapitän seiner Majestät" entfernt.

Umgehend stellte ich die Investition eines Ecus zurück und plante statt dessen, meinen Nachmittag im Zeitalter der English Restoration zu verbringen, sobald es mir bei Ikea langweilig werden würde und Paula zum Dienst verschwunden war. Seeräuber und Marine-Offiziere, die nur der geschulte Historiker von einander unterscheiden kann, Höflinge, Lüstlinge, Lustknaben und die Diener der Kirche von England, seien sie nun Angehörige einer der vorgenannten Gruppen oder auch rechtschaffene Männer, und Frauen, die oft genauso ehrgeizig und rücksichtslos waren wie diese Männer und alle Frauen.

Manche Tage sollte man aufheben können, vielleicht in einem vergoldeten Rahmen an die Wand über das Sofa hängen, in Kunstharz giessen wie man es früher mit Seepferdchen tat, oder in 3D auf dem USB-Stick speichern, um immer wieder darauf zurück greifen zu können.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s