Von der Migration zum kalten Buffet

Es äussert sich der Politiker gerne zu Themen, die vor allem zwei Anforderungen genügen müssen. Zum einen sollte er keinen Bezug dazu haben, zum anderen keinen Einfluss auf das Ergebnis, ganz gleich, was er sagt. Günstig für ihn ist dann auch, wenn die Menschen, über die er spricht, ihn nicht wählen können oder dürfen. Das kann dann das Weltklima sein, der Weltfrieden, die Versorgung der dreieinhalbten Welt mit Internet-Zugängen, die Rolle der Sozialpädagogen in Afghanistan oder gerne auch einmal die Integration von Zuwanderern, denen er genauso wie ich selbst nur im Döner-Laden begegnet, sie vielleicht Freitag Nachmittag vor der Moschee stehen sieht, sich vielleicht wundert, dass Haribo-Goldbärchen auch helal zu erhalten sind.

Aber wer nimmt sich der innerdeutschen Integration an, der Eingliederung der Ostdeutschen, die nach 20 Jahren immer noch weniger verdienen als die Westdeutschen, immer noch höhere Bildungsabschlüsse erreichen, immer noch durch eine höhere Zahl von Kindertagesstätten alleinerziehende, berufstätige Mütter gegenüber der klassischen Geschlechterrolle begünstigen, immer noch überdurchschnittlich oft am Sonntag Morgen das Auto waschen statt zur Kirche zu eilen, immer noch nicht gelernt haben, auf andere Deutsche herunter zu sehen, weil die Arbeiter sind, sie selbst aber Bürger, gezwungen sind, dieses Bedürfnis nach sozialer Ausgrenzung anderer anders zu befriedigen? Hier ist ein enormer Handlungsbedarf, hier heisst es: weg mit dem grünen Pfeil und wieder her mit dem 9-klassigen Gymnasium und der Hauptschule.

Wie könnten die Herren Sarrazin und Seehofer sich hier profilieren, welche Themen böten sich einer Frau Merkel, einem Herrn Westerwelle! Statt dessen unterwerfen sich die Politiker im Westen der Ökonomie und nähern das auf acht Klassen reduzierte Gymnasium ebenso dem System der Deutschen Demokratischen Republik an wie die anderen Schulen, die als Gesamtschulen und Erweiterte Realschulen Übergangsformen zur EOS sind, stellen Frauen gar Männern gleich, die nun wieder noch weiter benachteiligend, und ignorieren sogar den Wechsel der Begräbnisformen, weg von der Erd-, hin zur Feuerbestattung. Sieben-, neun-, zwölf-Punkte-Pläne wären hier zu erstellen, etwas, in dem z. B. Herr Seehofer schon hinlängliche Übung hat, Interviews zu geben; Auftritte in Talk- und Reality-Shows mit üppigem Büffet winken ebenso wie gut bezahlte Buch-Verträge.

Allerdings könnten einige Wähler vor allem jenseits der Elbe negativ reagieren, wenn jemand den verpflichtenden Kirchgang, eine drastische Reduzierung der Kindertagesstätten, die Einführung der Hauptschule und die Abschaffung der Krematorien fordert. Der Vorschlg, 500.000 Hartz IV-Empfängern aus dem Ruhrgebiet, Berlin und Hamburg nach Osten umzusiedeln, könnte die Bild-Zeitung monatelang zuverlässiger mit Schlagzeilen versorgen als das Liebesleben Lindsay Lohans und die Infrastruktur von Chemnitz, Gera, Halle und Rostock auf Jahrzehnte mit Kunden. Arbeitsagenturen, Schulpsychologen und Sozialpädagogen könnten zufrieden in eine Zukunft blicken, hätten sie doch in hinlänglicher Zahl die für ihre Existenz so notwendigen Bedürftigen.

Gleichzeitig würden Mönchengladbach, Duisburg und Berlin durch diese geplante Massenabwanderung aus dem Sozialsystem noch einmal vor dem drohenden Bankrott gerettet. Sicher wird Herr Westerwelle gerne darauf verweisen, dass, wem man schon vorschreibt, auf wievielen Quadratmeter er denn wohnen dürfe, man auch sagen darf, wo ers tun darf, und dies denn auch mit jenem neoliberalen Gedankengut begründen, von dem er noch glaubt, es sei modern. Sogar die Grünen könnten dabei mit einer "Entzerrung der ökologisch und sozial belastenden Überbevölkerung" ein Thema und mit ihm einen Platz am kalten Büffet dieses oder jenes internationalen Symposiums finden. So wäre quasi für alle gesorgt; nur ich wäre meine Schulden immer noch nicht los.

(Das Bild des Grünen Pfeils stammt aus einem Bürgerbrief der Bürgerunion Marl, die Grafik zu den Bildungsunterschieden aus dem "Gender Datenreport" des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend.)

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