300 Jahre Geschichte schauen auf Euch herab

Ich sass gemütlich in dem, was einmal der Wallgraben einer Festungsstadt gewesen war. Seit der Entfestung hatte er eine Zweit-Karriere als Stadtpark eingeschlagen. Vor mir war die recht beeindruckende Stadtmauer, von einer Oberschule gekrönt wie von einer ästhetisch anspruchslosen Akropolis, nicht weit von mir das Denkmal eines Generals, den Napoleon einmal seinen Tapfersten genannt hatte oder seinen Dümmsten, je nachdem, ob man nun dem General glaubt oder dem Mann, der ihm in diesem Augenblick das Pferd hielt.

Es war ein fast perfekter Tag, ein Tag für Pfefferminz-Fondant, das ich allerdings nicht hatte, ein Tag, um mit "Conan der Cimmerier" zu beginnen, das ich für einen solchen Augenblick seit Wochen mit mir herumschleppte. Mir wurde klar, wie sehr meine Situation der vor mehr als 30 Jahren ähnelte, als ich meinen ersten Roman von Robert Ervin Howard gekauft hatte. Auch damals war eine Zeit des Wandels gewesen, die mein Leben verändert hatte.

Ich hatte an meinem freien Tag weder Lust zum Staubsaugen gehabt noch Lust, an der Steuererklärung zu arbeiten. Vor allem aber hatte mir alle Neigung gefehlt, zuhause zu sein, wenn Paula von der Arbeit käme. Das I Ging deutet Ungemach im August an, und so versuche ich, die Entscheidungsschlacht so lange hinaus zu zögern. Vielleicht habe ich bis dahin ja einen funktionsfähigen Plan B. Ausserdem werden Paulas Anschuldigungen durch die Wiederhoung auch nicht interessanter oder machen ihre Statements für mich mehr Sinn.

Ich bedauerte mich angemessen, jedoch nicht über Gebühr, weil ich weder Freunde noch Familie hatte, die ich in dieser Situation besuchen konnte, während ich zur Illinois Electro Door fuhr, um Paulas Bewerbung für den Job auszudrucken, den sie schon seit zwei Jahren hat. Irgendwann hätten wir vielleicht auch die 50 Ecu gehabt, um neue Patronen für ihren Drucker zu kaufen.

Danach verzog ich mich nach St. Louis, was in unserer Gegend das ist, was einer Stadt am nächsten kommt. Ich ging wieder durch die Strassen ihrer Altstadt, durch das Einkaufszentrum, die Buchhandlungen, machte Fotos der Bücher, die mich interessierten, um sie auf meinen ewig-langen Wunschzettel bei Amazon zu setzen, sah den Menschen beim Leben zu. Es dauerte keine halbe Stunde, bis ich wieder ohne Zögern vor einem Auto die Strasse überquerte. In St. Louis haben die Fussgänger Vorfahrt. Ich hatte Vorfahrt.

Im Stadtpark las ich dann die erste Kurzgeschichte in meinem Buch und dachte über einige zunehmend praktische Dinge nach. Gefühle wie Bedauern und Verlust stehen immer weniger in meinem Focus. Statt dessen denke ich immer mehr in den Begriffen von Wann und Wie. Pragmatismus ist eine Philosophie, die in unserer Zeit irgendwie nicht die richtige Würdigung findet. Ich fühle mich allerdings zunehmend für eine entsprechenden Lehrstuhl qualifiziert.

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