Der Psalm des Weltbürgers

Kann man die Auseinandersetzungen zwischen den Islamisten und der westlichen Zivilisation nicht einfach Taliban-Krieg nennen, jenen sprachlich so alles in die Schuhe schieben, was so schwierig zu erklären ist, sie so vom netten muslimischen Obsthändler um die Ecke scheidend? Ich lese gerade eine sehr frühe, das Geschehen quasi vorweg nehmende Darstellung dieses Krieges. Allerdings verlegt sie der Autor mit bissiger Ironie weit in der Zeit zurück.

Aus der "Allianz" wird bei ihm ein Imperium, für dessen weitreichende Interessen ein kleiner Staat im Mittleren Osten von strategischer Bedeutung ist. Gerade dessen Bevölkerung aber ist durchdrungen von tiefem Glauben, viele sind fanatisch davon überzeugt, dass schon die Anwesenheit der Ungläubigem auf Heiligem Land ein Frevel ist, der den Zorn Gottes erregen muss. Als der Führer des Imperiums, der sich nicht wirklich zur Politik berufen fühlt, von einem Aufstand und der Zerstörung bedeutender Kunstwerke erfährt, setzt er seine Armee in Bewegung.

Lion Feuchtwanger beschränkt sich in seinem Buch "Der jüdische Krieg" aber nicht darauf, 1932 die Welt von 2002 so präzise vorher zu sehen, dass ich bei diesem und jenem Mitglied von Neros Ratpack sofort den einen oder anderen bekannten Namen aus dem Dunstkreis der Füsse George W. Bushs gerufen habe, er stellt uns mit Flavius Josephus auch einen Menschen dar, der von starken und oft gegensätzlichen Wünschen getrieben wird. Er will glauben, will ein Gerechter sein, aber auch ein erfolgreicher Schriftsteller, ein bedeutender Führer der Aufständischen, er will Anerkennung, will sozialen Aufstieg, will diese Frau und diese auch. Er ist zugleich von der Lebensart des Imperium Romanum angezogen wie von der jüdischen Kultur, steht so zwischen den Kulturen, nicht unähnlich manchem Einwanderer heute.

Viel einfacher in seiner Art ist Titus Flavius Vespasianus, ehemaliger Konsul, ehemaliger Statthalter, ein oft gescheiterter General, der im Umfeld Neros auf eine letzte Möglichkeit wartet, wieder nach oben zu kommen. Er ist ein den Spott gewohnter Mann, kurz vor dem Absprung in die Bedeutungslosigkeit eines Lebens als Gutsbesitzer, einer der keine Schwierigkeiten hätte, seine Überzeugungen umgehend zu verraten, hätte er denn nur welche. Seine Devise ist aber: "Wenn das Unanständige nützlich ist, muß man es tun, und hernach muß man sich Skrupel machen", ein Satz, der heute in goldener Schrift über dem Eingang der Frankfurter Börse steht.

Ein anderer Satz aus diesem Buch sollte an vielen Stellen stehen, tut es aber nicht:

Ich könnte mir diesen Satz sehr gut im Foyer einer Schule oder Universität vorstellen, auch bei Bibliotheken und an anderen Orten. Er ist eine Art Weiterentwicklung des Psalms 104 über die Herrlichkeit der Natur, zu der er den Menschen in eine Beziehung stellt. Ich habe dieser Vorgabe so wenig entsprochen, so wenig entsprechen können, wie jeder anderen. In diesem Fall bereue ich es allerdings.

2 Kommentare zu „Der Psalm des Weltbürgers

  1. Anonym writes:Zum Thema "Bereuen" und zum Weltbürger-Psalm der Josephus-Trilogie. Lion Feuchtwanger mag 1958 verstorben sein, aber die 1945 gegründete Weltbürgerbewegung gibt es noch heute:www.welt-buerger.org, http://www.worldservice.org, http://www.weltdemokratie.de sind einige websites hierzu.Die "Jungs" (Garry Davis, Albert Camus & Co.)haben 1948 die UNO besetzt, um für die Unterzeichnung der Menschenrechtserklärung zu demonstrieren…Auch gibt es einen moderen Flavius Josephus in der Gestalt des vor 50 Jahren (1961) ermordeten UNO-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld… siehe z.B. die Biographie "Dag Hammarskjöld. Vision einer Menschheitsethik" im Amthor Verlag.Man ist nie zu alt, zu fett oder zu depressiv, um noch etwas erhellendes hinzuzulernen & mit ins Grab zu nehmen…Gruß, SMSpressebuero-globe@web.de

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