Rinnstein-Theoretiker

Während ich den Rinnstein bei uns kehrte, arbeitete ich an meiner Theorie, was in unserer Gesellschaft die Unterschicht von der unteren Mittelschicht trenne. Kein einfaches Unterfangen, kaufen doch alle bei KiK und Aldi und beziehen oft genug die gleichen Sozialleistungen. Ich habe schon einige Punkte zusammengetragen, die zwar irgendwie auf der Hand zu liegen scheinen, allerdings alle den Nachteil haben, nicht quantifizierbar zu sein. Das Bemühen, sich so auszudrücken, dass man verstanden wird, gehört dazu ebenfalls wie die Fähigkeiten, mit Messer und Gabel zu essen und alle Informationen über sein Sexualleben für sich zu behalten, sofern nicht sehr besondere Umstände zutreffen.

Ein weiterer Punkt ist die Fähigkeit, häusliche Streitigkeiten dem Worte gemäss im Haus auszutragen. Daran gebricht es den Nachbarn gegenüber allerdings so gänzlich. Madame erklärte, während sie im Hauseingang stand und ich in ihrem Blickfeld Blätter zusammenfegte, ihrer Tochter in aller Ausführlichkeit, was sie über sie dächte. Ich habe ein sozusagen fast berufliches Interesse an solchen Vorträgen, ihrer Dramaturgie und ihrem Informationsgehalt. In dieser speziellen Rede ging es im Wesentlichen, wohl ohne dass es Madame bewusst war, darum, dass ihre Tochter kein Kind mehr war. Diese neu erworbene Eigenschaft äusserte sich zum einen darin, dass sie die Bedeutung eines aufgeräumten Zimmers als Untereinheit des Sinns des Lebens negierte, zum anderen daran, dass sie keine Zeit mehr hatte, mit ihrer Mutter abends auf dem Sofa zu kuscheln, weil sie sich mit ihrer Schulfreundin austauschen musste, einer jungen Dame mit einem jener Namen, die Aussenstehende spontan mit der Unterschicht verbinden.

Dann gab es natürlich noch jenes Thema, dem alle Menschen ein solches Interesse entgegen bringen. Hier wand die Tochter dann endlich ein, mit Jungs sei noch nichts gelaufen. Diesem Punkt war ihre Mutter bereit zuzustimmen, nicht ohne ihn sofort einzuschränken. Nur weil in der Schule für besondere Kinder, die das Fräulein Tochter besuche, stets Aufsicht sei, nur deshalb, habe die junge Dame sich von ihren Hormonen noch nicht übermannen lassen können. Mir schien diese Logik ein wenig wackelig und doch mehr auf Rechthaberei als auf den gesunden Menschenverstand gestützt, irgendwie un-aristotelisch.

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