Keiner der Obigen

Am Abend nach der Wahl habe ich mir noch einmal "Fight Club" angesehen. Paula und ich hatten mittags in St. Michel sur l'Arbre gewählt, ich eine Kombination von Partein ankreuzend, bei denen ich mir sicher war, dass sie keinesfalls in die Regierung kommen würden, sie einen Fehler bei der Drucklegung korrigierend, indem sie handschriftlich die HSP ergänzte und auch gleich mit einem Kreuz versah.

Etwa 30% der Wahlbürger machten sich nicht einmal diese Mühe. Sie gingen einfach nicht mehr hin. Nicht die Politik ist ihnen egal, die Politiker sind es, und wir entscheiden bei der Wahl nun einmal nicht über die Politik unseres Landes, sondern nur über die Politiker, die versprechen, eine bestimmte Politik zu verfolgen, aber von den Sach- und Koalitionszwängen, ihrer Unfähigkeit oder den Vorgaben der Europäischen Union davon abgehalten werden. Ersatzweise sprechen sie im elodierten Soziolekt einer mikroskopischen Peer Group über das Recht der Angolaner auf Internetzugang (oder etwas ähnlich bedeutsames) statt über etwas, das ihren Wählern näher liegt, eine Erhöhung von Hartz 4 etwa oder die Einführung eines Mindestlohnes.

In Frankreich gibt es übrigens schon seit Jahrzehnten einen bescheiden ausgelegten Mindestlohn. Man hat deswegen nicht gleich den Stalinismus einführen müssen. Der Ausbeutungswille der Unternehmer hat einfach ihre Kreativität angeregt, und sie haben neue Möglichkeiten gefunden, ihren Mitarbeitern zu wenig zu bezahlen, das Praktikum, die Teilzeit-Arbeit. Aber wer ausser gewissen politischen Randfiguren wie Oskar Lafontaine und Daniel Cohn-Bendit weiss über Frankreich mehr als ein paar höfliche Belanglosigkeiten, die Nicolas Sarkozy beim Essen im George V hat fallen lassen? Gerhard Schröder hätte an dieser Stelle noch die Namen einiger exklusiverer Weingüter einbringen können. Ein Verständnis für Europa als Gemeinschaft lässt sich so nicht darstellen.

Unsere Politiker sind von wenigen Ausnahmen abgesehen langweilig. Da gilt es schon als Höhepunkt, wenn La Merkel ein fliederfarbenes Kleid statt eines grauen Hosenanzuges trägt oder Herr Westerwelle mit Lebensgefährtem erscheint. Eine Ausnahme ist der verdiente Genosse Oskar Lafontaine, vom Kurswechsel der SPD unter Schröder davon gespült, um sie wahrscheinlich zu überleben, der klassische Fall dessen, der vom Schiff geworfen wird, um ihm dann zuzuschauen, wie es den Eisberg rammt. Er bemüht sich um eine verständliche Sprache und sagt den Menschen, was sie eh schon wissen: Es ist nicht alles in Ordnung in diesem Land. Ich habe ihn trotzdem nicht gewählt.

Der amerikanische Schriftsteller L. Neil Smith beschrieb in "Der Vernus-Gürtel" ein politisches System, das seinen Bürgern die Möglichkeit gab, "Keinen der Obigen" zu wählen, die Unzufriedenheit mit den Kandidaten zu personifizieren, für eine Wahlperiode auf Politiker zu verzichten. "Keiner der Obigen" wäre seit Sonntag wahrscheinlich Bundeskanzler.

3 Kommentare zu „Keiner der Obigen

  1. Für eine Option "Keiner der Obigen" wäre ich auch. Für die nächsten 4 Jahre gehöre ich zu den 6% der Wähler, deren Stimme schlicht ignoriert wird.

  2. Teilweise. Ich bin dazu übergegangen, keine Kompromisse mehr zu machen. Wenn ich keine/n Kandidaten/Partei finde der/die mir zusagt, dann kreuz ich einfach nichts an.

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