Keine Lilien auf meinem Feld

Bei Aldi stand ich für einen Augenblick am Regal hinter zwei Rentnern, die den Speiseplan des Tages diskutierten. Sie schlug Kartoffelsalat vor, betonte dann aber die Notwendigkeit, ihn auch zu machen. Er stimmte ihr Unverständliches murmelnd zu. Als ich weiterging, deutete sie an, man könne ja mal einsvierzig ausgeben. Mich wehte die grauenhafte Vorstellung an, das könnten Paula und ich in zwanzig Jahren sein.

Kaum dass sie am Wochenende zu ihrer Arbeit verschwunden war, machte ich mich daran, mein Reserve-Handy auszurüsten. Als ich das letzte Mal eines brauchte, hatte ich die freie Wahl zwischen einem Siemens ME45, dessen Akku mit einem Stück Klebstreifen gehalten wurde, und einem Siemens A60. Bei diesem Modell wurden Eigenschaften wie der Standby, die Technik, die Verarbeitungsqualität, die Speichergrösse aber noch nie gelobt. Bis unsere private Wirtschaftskrise sich so weit besserte, dass ich die Erlaubnis bekam, dreissig Ecu für ein neues Handy zu verwenden, dauerte es fast eineinhalb Jahre.

Aus dieser Erfahrung heraus bin ich gerne vorbereitet, ein wenig wie der Anarchist in Romain Garys „Lady L“, der immer einen Sprengsatz bei sich hat, weil man ja nie weiss, wen man so trifft. Ich versah mich daher beim anderen Online-Auktionshaus mit einem robusten Motorola, dessen Standby in Tagen statt Stunden gemessen wird, und das ein Farb-Display hat und genug Speicher fürs mobile I Ging, eine Version des äusserst unabdingbaren Tetris, ein paar Wallpapers und meine Lieblings-Klingeltöne in einer midi-Version, die selbst ich nicht überhören kann.

Überhaupt bestreitet mein Gefühl das Ende der Wirtschaftskrise und betont die Notwendigkeit von konservativen Vorgehensweisen, robuster Technologie und Dingen, die man mir nicht wegnehmen kann, sei es, weil sie nur in der unbegrenzten Freiheit meines Kopfes existieren, sei es, weil sie sonst keiner haben will. Düster spricht es von einem dicken Ende, dass noch komme; optimistischer ist da schon das I Ging, das einen raschen Vorstoss nach Südwesten empfiehlt.

Auf meinem Feld wachsen keine Lilien. Früher wuchsen sie wild im Garten vor dem Haus, aber Paula hat sie alle ausgerissen. Wenn man das ein paar Jahre lang immer wieder macht und auch die Zwiebeln entfernt, sind sie irgendwann weg.

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